Zlatko Enev
„Die Kinder von Hans Asperger“
(Auszug)
Teil 3

Jetzt muss ich tief Luft holen. Es kommt der Moment, an dem ich anfangen muss, von etwas zu erzählen, das viele von Ihnen zunächst wohl als leicht „abseits“ wahrnehmen oder zumindest als den Versuch irgendeiner unseriösen Originalität: worin die Belohnung des Lebens mit dem Autismus und den Autisten besteht, worin das Privileg liegt, Elternteil eines neurospezifischen (oder sonst wie beeinträchtigten) Kindes zu sein, worin – verzeihen Sie die bombastische Formulierung – der universale Sinn all dieses „Leidens“, dieser unglaublichen Prüfung liegt. Denn all das gibt es, es existiert – und wie! Nur ist es schwer zu sehen und zu begreifen, besonders am Anfang, besonders dann, wenn Schmerz und Verzweiflung im Begriff sind, Ihnen die Kehle zuzudrücken und das Einzige, woran Sie denken und wovon Sie träumen können, lautet: „Alles, nur das nicht! Nur das nicht, nein, nein, neeeeeeeeein!“
Ich beginne etwas von weiter her, bitte haben Sie Geduld. Die Ausbildung, die ich in meinen prägenden Jahren erhielt, war die Philosophie, daher haben die Dinge, von denen ich hier sprechen werde, einen philosophischen Beigeschmack. Falls die Gefahr besteht, dass Sie das entfremdet und Sie sich – auch nur für einen Moment – denken: „Schade, hier hört das Interessante wohl auf“, wiederhole ich: Bitte, ein wenig Geduld. Die Philosophie, die ich praktiziere, ist menschlich, verständlich und warm. Lesen Sie weiter, und Sie werden es selbst sehen.
Um also zur Frage der Belohnung zu kommen, muss ich mit einer der „Theorien“ über den Menschen und das Menschliche beginnen, mit denen ich mich beschäftige – und mich nicht selten in Momenten der Einsamkeit, Müdigkeit oder schlichten Langeweile tröste. Das Menschliche ist natürlich etwas unendlich Komplexes, aber für die Zwecke dieses Nachdenkens werde ich es vereinfachen und auf jene zwei entgegengesetzten Eigenschaften der menschlichen Natur zurückführen, deren Gegenüberstellung, gegenseitiges Reiben und Ringen uns zu dem macht, was wir sind. Ich meine hier das, was man oft unser „äußeres Ich“ nennt, und seine Kehrseite, das „innere Ich“.
Das äußere Ich bestimmt und lenkt gewöhnlich die aktiven Seiten unseres Lebens. Es ist der ehrgeizige, kämpferische, auf Erfolg und Gewinn ausgerichtete Teil unserer Natur. An sich – ebenso wie sein Gegenteil – ist es weder gut noch schlecht. Es will bauen, schaffen, hervorbringen, die Welt zum Besseren verändern. Es will den höchstmöglichen Status erreichen und – gleichsam natürlich – eine ununterbrochene Kette von Siegen.
Das innere Ich ist mit den tiefen, mühsamen und nicht selten verwirrenden Seiten unseres Lebens befasst. Es will im Einklang mit bestimmten moralischen Qualitäten leben, stets die Balance und die Grenze zwischen Gut und Böse finden – und, wenn möglich, nur das Gute tun. Es sucht innerhalb und außerhalb des Lebens nach irgendwelchen universalen Wahrheiten, transzendenten Werten, höheren Prinzipien. Es will nicht dafür geschätzt werden, dass es dieses oder jenes erreicht hat, sondern dafür, dass es richtig lebt.
Es versteht sich, dass die Vereinigung dieser beiden Seiten unserer Natur nur selten „von selbst“ gelingt. Das äußere Ich drängt voran und will alle Hindernisse so schnell wie möglich überwinden; das innere Ich zieht die Zügel an und beharrt darauf, dass kein menschliches Ziel alle Mittel heiligt. Das äußere Ich tritt aufs Gas, das innere hält hartnäckig den Fuß auf der Bremse. Der Kampf zwischen ihnen beginnt früh und endet im Prinzip nie. Selig sind die Menschen, denen es gelingt, diese beiden widersprüchlichen Elemente im Gleichgewicht und in friedlicher Koexistenz zu halten.
Es ist nicht leicht – das wissen wir alle. Und leicht ist es nicht nur deshalb, weil es nichts umsonst gibt. Leicht ist es vor allem deshalb nicht, weil wir in einer Welt leben, die mit aller Kraft das Äußere ermutigt und das Innere Ich vernachlässigt. Sagen Sie mir: Wie oft im Leben haben Sie den Mund aufgemacht, um etwas „Richtiges“, „Erhabenes“ oder einfach „Schönes“ zu verteidigen, sind aber im selben Moment verstummt aus Angst, dass Ihnen jemand entgegnet: „Wenn du so klug bist – wo sind dann deine fünf Groschen?“ Wie oft haben Sie die Stimme des inneren Ichs unter dem Druck des allgemeinen Einverständnisses unterdrückt, dass es in dieser Welt nur die Schurken sind, die prosperieren?
Gut. Genug Theorie – es ist wieder Zeit, Ihnen Dinge zu erzählen, die mir (uns) passiert sind und weiter passieren. Die Sache ist natürlich die, dass in meinem, in Todorkas und sogar in Peterchens Leben vor Leas Geburt bereits Hunderttausende, Millionen von Augenblicken verstrichen waren, in denen wir fortwährend Entscheidungen trafen. Und wie Sie unten sehen werden, begünstigten meine Entscheidungen in den letzten Jahren vor ihrer Geburt fast immer nur das eine Ich. Und Lea hat all das verändert – radikal, gnadenlos und, so hoffe ich, für immer.
Die Jahre kurz vor und nach meiner Ankunft in Deutschland habe ich anderswo beschrieben, ich werde Sie damit nicht noch einmal belasten. Ich muss jedoch erklären, dass der Wechsel von Land und Kultur zu einer scharfen Wendung in meinem ansonsten eher bescheidenen, vor allem mit Büchern, Gedanken und Träumereien gefüllten Leben führte. So direkt wie möglich gesagt: Das äußere Ich setzte sich plötzlich ans Steuer und gab Vollgas, drängte das innere schön weit nach hinten auf die Rückbank (und das arme Ding, das bis dahin kaum ernsthafte Konkurrenz gekannt hatte, ergab sich wohl ohne großen Kampf und verschwand eine Zeit lang vollständig aus meinem Blickfeld – trotz Philosophiestudium und alledem). Ich legte also richtig los: Im Nullkommanichts fand ich eine interessante, gut bezahlte Arbeit, kurz darauf gründete ich mein eigenes Geschäft, begann Geld zu verdienen, von dem ich zuvor nur in Büchern gelesen hatte – und hörte dabei fast völlig auf, mir den Kopf über Fragen wie „Was ist würdiger für die Seele?“ zu zerbrechen…
Und irgendwie, ganz unmerklich, sehr leicht und seeehr angenehm begann ich, mich in etwas zu verwandeln, das sich nur schwer vom sprichwörtlich zufriedenen Schwein unterscheiden ließ. Hier in Deutschland ging es noch halbwegs, denn vor lauter Arbeit blieb mir wenig Zeit zum Protzen – und vor wem hätte ich auch prahlen sollen; unser ganzes Umfeld bestand damals aus Leuten ungefähr desselben Niveaus, und die Kultur ist protestantisch – diese Art von zur Schau gestelltem Erfolg, die offenbar in meiner Heimat alles und jedes bestimmt, wird nicht sonderlich goutiert. In Deutschland also ging es – aber seht mich, wenn ich nach Bulgarien kam! Nicht, dass ich ein großes Auto gefahren hätte – ich habe nie in meinem Leben ein Auto besessen –, aber schon der Blick der Leute: diese Bewunderung, diese Ehrfurcht, dieses Bedürfnis, es mir recht zu machen, mir zu gefallen, meine Aufmerksamkeit zu gewinnen… Heilige Mutter, die Scham steigt mir noch immer wie Galle hoch.
Es war 1995. Wir kamen nach Preslav, meiner Heimat, wie eine ganze Delegation – wir zwei mit dem nagelneuen Sohn Peter (nach seiner bulgarischen Großmutter benannt, wenn auch mit deutschem Lack darüber) –, dazu Todorkas Eltern – erste Begegnung mit meinen Leuten, meinem Ort, meiner Herkunft… Ein einziger Zirkus. Meine Leute rannten sich die Beine aus dem Leib und machten Kosten ohne Ende – Lämmer, Tafeln, Lieder und Tänze der Völker bis Mitternacht, wir haben uns geradezu totgeschlagen vor Konsum. Und ich, frischgebackener deutscher Gutsherr, steckte diesem oder jenem armen Verwandten Fünfzig-Mark-Scheine zu (damit lebten die Leute damals einen Monat, muss ich Ihnen nicht erst in Erinnerung rufen). Schau mich an!
Da stand ich also, plusterte mich auf wie ein Hahn oben auf einem Haufen Kuhmist, und mein Seelchen flatterte und flatterte. Wer war mir gleich? Ein erfolgreicher Mann, he! Und ich betonte es, demonstrierte es, trank es wie sanften Rakija. Behagen!
Und ein Jahr später wurde Lea geboren. Und das war erst der Anfang.
* * *
Wieder ein großer Sprung: Wir schreiben das Jahr 2005.
Zwischen Todorka und mir lief es schon lange nicht gut. Ob wirklich alle glücklichen Familien einander gleichen und die unglücklichen jede auf ihre Weise – das weiß ich nicht; denn so unglücklich erinnere ich uns gar nicht. Es gibt angeblich Statistiken, die schwarz auf weiß zeigen, dass in Familien, in denen einem Kind ein Unglück widerfährt – Behinderung, Unfall, zumal der Tod –, die Zahl der Scheidungen weit höher liegt als im Durchschnitt. Bei uns war es so; bei anderen ist es anders. Unbestreitbar scheint mir jedoch, dass die Spannungen, denen das Leben mit der heranwachsenden Lea uns aussetzte, uns immer stärker gegeneinanderstellten. Nicht, dass es riesige Streitereien oder Skandale gegeben hätte – wir beide mögen so etwas nicht; sie, weil sie Deutsche ist; ich, weil ich genau damit aufgewachsen bin. Meine Alten rissen sich dreimal täglich die Köpfe ab, Werktag wie Feiertag. Wie sie zusammenblieben, geht nicht in meinen Kopf. Bei uns war es anders – kühl, immer schweigsamer, immer entfremdeter. Sie kennen doch das Lied von Pink Floyd:
Day after day
love turns grey.
Like the skin
of a dying man…
Genau so war unser gemeinsames Leben geworden, wie auf einem Porträt eingefangen. Und weil wir beide verantwortliche Menschen sind und stark davon bestimmt, unseren Kindern nicht „das anzutun, was man uns angetan hat“, strengten wir uns an, bis uns fast die Augen aus dem Kopf traten, um gute, anständige, präsente Eltern zu sein. Und wir machten das so gut, dass später niemand glauben wollte, dass wir uns trennen…
Nun, wir strengten uns an und an… Mit Anstrengung geht es aber nur eine Weile. Ich meine: Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir wohl so weitergekrebst, bis zu irgendeinem grauen, freudlosen, trostlosen Ende. Aber Todorka (so nenne ich Todorka in meinen inneren Monologen)… Nun, Todorka erwies sich als mutiger als ich – und eines Tages fasste sie sich ein Herz und setzte unserem gemeinsamen Leben ein Ende, allen meinen Ängsten, Bitten und Verzweiflungen zum Trotz.
Grauen? Oder bloße Banalität? Das möge jeder für sich entscheiden. Jedenfalls begann im Mai 2005 die nächste Phase meiner persönlichen (Re-)Éducation sentimentale – und es ging scheinbar nur noch bergab, bergab, bergab… Oder zumindest dachte ich das damals. Schauen wir nun, ob ich Sie von dem überzeugen kann, woran ich erst viele Jahre später zu glauben lernte: je schlechter fürs Ego, desto besser für die Seele. So eine Philosophie eben, vielleicht ein wenig abseits. Aber eine andere kann ich mir nicht mehr vorstellen.
Unser Newsletter
Bruchstücke, Reste. Eine Mail. Ab und zu.
Kein Filter. Keine Gnade.
Ich habe es gesagt: Das ist die Geschichte einer Familie. Und wir begreifen uns noch immer als Familie (mitsamt Marc, der ein paar Jahre später zu einem wunderbaren zweiten Vater für Lea wurde). Bis dahin gibt es jedoch noch viel zu erzählen – und zwar keine Kleinigkeiten. Denn hier begannen Dinge zu geschehen, die für mich Wundern gleichkamen. Zauberhafte, magische Dinge begannen zu geschehen.
Erstens: Ich starb und stand danach wieder auf – oder vielmehr: mir wurde ein zweiter Versuch gewährt. Nicht in drei Tagen; bei mir dauerte das Verfahren einige Monate.
Ha-ha-ha, ein Kichern aus dem Publikum. Schauen wir also, was genau geschehen ist.
Teil 4

Ich weiß nicht, wie man eine solche Erzählung beginnt, ohne zusammenzuzucken vor der Angst, dass alles, was noch immer brennt und brandmarkt – selbst jetzt, in diesem kühlen Moment der damals vor mir liegenden Zukunft –, in Wahrheit banal, farblos, bedrückend ist, einfach langweilig. Wie erzählt man von etwas, das man als das Ende seines Lebens erlebt hat, das von außen betrachtet aber „nur“ eine Scheidung ist? Nur eine Trennung, ein Auseinanderdriften, ein weiteres Splitterchen des Alltags der Welt, in der wir leben.
Uff, Gott, wie denn, wie? Man hämmert einfach auf die Tasten und hofft auf Glück, was sonst? Ist es nicht jedes Mal dasselbe, wenn man der gleichgültigen Kälte des leeren Bildschirms gegenübersteht? Und ist das, was du gerade treibst, nicht bloß der Versuch, deine Geschichte hübscher zu machen, zu versüßen, ein wenig vorteilhafter zu verkaufen? Zlatko, du bist weder der Erste noch der Letzte, der im Schaum seines eigenen Redeschwalls ertrinkt – also zieh die Hosen hoch und reiß dich zusammen, bevor es zu spät ist! Bist du nicht längst erwachsen?
Schon gut, schon gut. Ich fange an.
„Komm bitte rüber. Ich muss dir etwas sagen.“
Verdammt, schon wieder drückt es mir die Tränen hoch – so geht das nicht, es geht einfach nicht! Heute den ganzen Tag: wohin ich blicke, nur Fetzen vor den Augen, alles wässrig, verwaschen, nichts klar. Neben mir habe ich Herbert Grönemeyer bis zum Anschlag aufgedreht in der Hoffnung, er helfe irgendwie, aber woher denn. Alles, was ich höre, ist:
„Wann ist ein Mann ein Mann? Wann ist ein Mann ein Mann? Wann ist ein Mann ein Mann?“
Nicht, dass ich völlig unvorbereitet gewesen wäre. Nicht, dass alles wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam. Sonst hätte ich es kaum so aufgenommen – wie soll ich sagen – als verdientes Urteil und nicht als irgendeine kosmische Ungerechtigkeit. Ich habe immer geahnt, dass die Nähe zu mir früher oder später zu brennen beginnt, zu scheuern, wie rohgeschabte Haut, wer weiß. Todorka bestätigte nur mein eigenes Gespür – wenn auch auf eine Weise, die mich augenblicklich aus den Höhen der Selbsttäuschung stürzte. („Schon klar, leicht ist es mit mir nicht, aber es hat doch bestimmt auch Vorteile – schau, wie tüchtig ich bin, wie ich dafür sorge, dass hier alles läuft, was für ein Brotverdiener ich als Vater bin.“) Die üblichen Selbstentlastungen eines jeden Kerls, der sich verzweifelt vor der Unausweichlichkeit des einzigen Schlusses zu schützen versucht, der ihm vor Augen flimmert: „Aufschub vorbei, mein Freund. Das war’s.“
Am Anfang hoffte ich natürlich, das Gewitter werde noch ein wenig grollen und dann abziehen. Ich duckte mich, wartete ab, schob alles hinaus, trottete hinterher – in der Hoffnung, sie werde es sich irgendwann anders überlegen. Allein, mit diesem Kind? Mit beiden? Bist du bei Trost, Frau?
Nach außen schwieg ich meist, versuchte, überall zu helfen, wo ich konnte, aber ich kannte Todorka gut genug, um nicht in Dummheiten zu verfallen – keine Bitten, keine Spiele, kein Zureden. Sie ist festes deutsches Material, nordischer Schlag. Ihre ganze Familie ist so. Wenn sie dich lieben, lieben sie dich ganz. Aber wenn du dir die Suppe selbst eingebrockt hast – Gott steh dir bei! Vergebung gibt es nur dort, wo sie Sinn hat. Sonst: jeder seinen Weg, und Schluss.
Also schwieg ich, machte mich klein und wartete. Eine Woche verging. Dann die zweite, die dritte. Bei Todorka ging die Geduld sichtbar zu Ende. „Was glaubst du eigentlich“, sagte sie, „dass es sich einfach so verläuft? Wird es nicht. Es tut mir leid. Pack deine Sachen und geh. Zwischen uns ist es vorbei.“
Ich schwieg. Und vibrierte vor mich hin. Mein Kopf – angeblich immer auf Volllast, immer imstande, einen Ausweg, eine Lösung, Rettung zu finden, hey, das ist ein Kopf und kein Kohlkopf! – brachte diesmal kein einziges Grün zustande, überall nur Rot, Bruder, keine, absolut keine Hoffnung! In meiner Verblendung hatte ich bis dahin nicht einmal im Ansatz begriffen und gefühlt, wie sehr ich hier ein Baum ohne Wurzeln war, in diesem fremden Land, mit fremden Sitten, fremden Menschen, fremden Wassern, fremd in allem – ohne die rettende Wärme und den Schutz jenes stillen, geborgenen Orts, des Hafens, des Zuhauses. Was, zum Teufel, mache ich hier ohne sie, weggeworfen wie ein Haufen Lumpen auf dem Müll, allein, allein, allein? Was mache ich?
Ich starrte, blinzelte und sah nicht. Kein Ausweg; überall die Klinge. Ich kenne meine Art: Mir kam nicht eine Sekunde lang der Gedanke, dass ich nun einfach hinausginge und „etwas anderes, jemanden anderen“ fände – juchhei, hurra. Nein. So ticke ich nicht, das weiß ich. Damals gehörte das Wort „Asperger“ noch nicht zu meinem Selbstverständnis, aber das Gefühl, dass ich anders ticke – dass es für mich, mich zu binden, bei jemandem zu bleiben, zusammen mit jemandem Wurzeln zu schlagen, eine Eins-zu-einer-Million-Chance ist –, dieses Gefühl hat mich immer aus dem Dunkel des Bewusstseins heraus verfolgt, die hinterhältige Bestie! Ebenso wie die wahnsinnige Angst, als Vater zu versagen – und damit als Mensch erledigt zu sein. Keine falsche Scham: Ich bin ein Provinzbursche, ich kann bei solchen Dingen nicht „großzügig“ denken; für mich gibt es da kein Rütteln. Kinder sind die höchste Pflicht im Leben, das Werk all deiner Mühen, Gedanken und Fähigkeiten. Was du sonst treibst, ist dein Bier – freie Kür. Aber wenn du in dieser Pflicht, der eigentlichen, versagst, dann pack deine sieben Sachen und räum das Feld. Hier ist kein Platz für dich. Der Nächste, bitte. Wir haben dich geprüft, du bist durchgefallen – dort ist die Tür.
Und das Vibrieren wurde stärker und stärker. Irgendwann begann meine Mechanik ernsthaft nachzugeben, vibrierte, ratterte, und dann fielen hier und dort die Teile ab. Leise, ohne großes Getöse, eins nach dem anderen – und ich starrte, blinzelte, machte mich klein und sah nichts, nichts, nichts. Von überall her dasselbe, überall die gleiche blinkende Anzeige: „Ende! Ende! Ende!“
Na gut, ich machte mich klein und blinzelte – aber Todorka lockerte den Griff nicht. Als sie sah, dass ich, wenn man mich gewähren ließe, wohl bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag hinausschieben würde, stellte sie mich vor vollendete Tatsachen: „Wenn du bis zu dem und dem Datum nicht ausgezogen bist, mache ich es – zusammen mit den Kindern. Entscheide dich.“
Und so nahm ich das Urteil endlich an, robbte auf dem Bauch hinaus und schleppte mich durch Berlin, um mir eine neue Wohnung zu suchen. Tot oder lebendig – handeln musste ich, die Zeit wartet auf niemanden. Dennoch rechnete ich: So, wie ich am Absaufen war – bliebe ich ganz allein, würde es mich zu irgendeiner Dummheit treiben. Also besser unter Menschen unterschlüpfen, wenigstens ein bisschen Schutz im Wirbel, damit es mich nicht davonweht wie ein gestriges Kätzchen. Also suchte ich ein WG-Zimmer, etwas Kommunales. Davon gibt es hier viele – ein bisschen nach russischer Art, aber nicht aus Armut, sondern weil es in jungen Jahren praktischer ist. Wie überall, nehme ich an.
Nun gut, gerechnet hatte ich – nur offenbar ohne die Wirte. Die waren zwanzig, höchstens dreißig; ich ging auf fünfundvierzig zu, der Kopf schon kahl, der verräterische Körper schlug Falten hier und da – das Alter lässt sich nicht in einen Koffer packen. Die jungen Leute musterten mich, schätzten mich ein und rochen sofort, dass mich innen etwas würgte. Ich mühte mich, einen soliden Eindruck zu machen – ein bisschen wie beim Vorstellungsgespräch –, aber es klappte einfach nicht. Einmal, zweimal, fünfmal, zehnmal – überall mieden mich die Jungen wie verdorbene Ware. Sie wollten mich nicht. Mich begann es ernsthaft zu schütteln.
Todorka hatte sich übrigens auch etwas beruhigt, ließ den Schraubstock lockerer. Sie sah mich mitleidig an – sie merkte, dass mir bald eine Sicherung durchbrennt. Kein Quatsch. Das Ultimatum verstrich, und wir wohnten noch immer unter einem Dach, ertrugen einander, schliefen sogar im selben Bett. Gewohnheit – was will man machen.
Und ich suchte weiter, immer weiter…
Und die Kinder? Nun, nichts – oder jedenfalls nichts Dramatisches; kann der Mensch alles sehen? Peterchen sträubte sich und zog sich in sich zurück, wie ein junges Igelchen – die Stacheln noch weich, aber bemüht, sich zu schützen, damit Schmerz und Angst ihn nicht auffressen. Er schwieg, saß den ganzen Tag am Computer und achtete darauf, niemandem im Haus zu begegnen, ging auf Zehenspitzen, als wäre er schuld an all dem, was geschah. Und Leachen? Leachen natürlich – pures Herz, jedenfalls nach außen. Jetzt fröhlich, im nächsten Augenblick rasend – wie gerade die Strömung kommt. Die Normalität lauert überall, Bruder.
Vielleicht denkt ihr inzwischen: „Wie, das war dein großer Tod? Nun mach mal halblang, blend auf Abblendlicht. Nach all dem Getöse eben habe ich schon gedacht, du hängst an irgendeinem Haken – und jetzt entpuppt sich das als bloßes Gejammer. Schämen solltest du dich.“ Also will ich, so gut ich kann, erklären: Als einige andere kluge Köpfe Goethe (jawohl, Johann Wolfgang – Gott hab ihn selig) fragten, warum er überhaupt noch lebe, nachdem er das damals berühmteste vom Tod durchtränkte Buch, Die Leiden des jungen Werther, geschrieben habe, antwortete er schlicht, der Werther sei in ihm gestorben. Mehr kann auch ich nicht sagen.
Tja. Und dann geschah das Wunder…


