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Die Kinder von Hans Asperger – Ein Bericht
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Zlatko Enev
„Die Kinder von Hans Asperger“
(Auszug)

Ich beginne diese Geschichte nicht als jemand, der wusste, was er tat.
Ich musste es mühsam lernen — und habe den Preis dafür bezahlt.

 

2026 03 Die Geschichte 01

 

Inhalt

Heute beginne ich eine Geschichte, die ich wohl mit vollem Recht als die schwerste und schmerzlichste meines bisherigen Lebens betrachte – die Geschichte von der Geburt und dem Aufwachsen unserer beiden Kinder, Peter und Lea. Bevor ich anfing, sprach ich mit allen Familienmitgliedern (das heißt mit jenen, mit denen dies möglich ist – mit Peter und seiner Mutter, die ich hier, halb scherzhaft, „Todorka“ nennen werde, wie in den Jahren, als wir noch zusammen lebten), und alle ermutigten mich mit großem Verständnis und – ich würde sagen – mit großer Liebe. Todorka und ich sind seit etwa fünfzehn Jahren geschieden. Seitdem lebt sie mit einem anderen Partner, Marc L., mit dem mich inzwischen ebenfalls ein tiefes und starkes Gefühl der Freundschaft, des Verständnisses und der gegenseitigen Unterstützung verbindet. Ich vermute, dass ich mich in gewissem Sinne schon einen „Glückspilz“ nennen darf.

Die Geschichte wird sich, ob ich will oder nicht, hauptsächlich um Lea drehen, doch ich selbst begreife sie als die Geschichte der ganzen Familie. Für alle, die das Schicksal (und die Prüfung, und das Privileg!) hatten, Eltern von neurodivergenten Kindern zu werden, ist dies sicher etwas, das kaum einer Erklärung bedarf. Dort, wo ein solches Kind geboren wird, tritt alles andere unweigerlich in den Hintergrund.

So ist dies also die Geschichte einer Familie, in die ein neurodivergentes Kind hineingeboren wurde. Der Begriff „Neurodivergenz“ und „Neurodiversität“ stammt – wie so vieles dieser Art – aus den USA, wo er die wachsende gesellschaftliche Einsicht in die grundlegende Gleichberechtigung und gleichberechtigte Anerkennung von Menschen mit psychischen Besonderheiten bezeichnet (vor allem solche mit Autismus und seinem deutlich höher funktionierenden „Cousin“ – dem Asperger-Syndrom).

Neurodiversität ist zugleich Kampfruf der Gemeinschaft – ein Ruf nach Gleichstellung, ein Beharren auf Selbstannahme und Respekt – und ein Hilferuf, ein Ruf nach mehr Verständnis, Akzeptanz und – oh ja! – Liebe vonseiten aller „Neurotypischen“ („Normalen“), ob nahestehend oder nicht. Neurodiversität ist, einfach gesagt, die Normalität der Zukunft. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns darauf einstellen, wir müssen sie annehmen, wir müssen lernen. Nicht aus abstrakt korrekten Gründen, sondern schlicht, weil dies der nächste Schritt in der Entwicklung unserer eigenen Menschlichkeit ist. Neurodiversität ist eine weitere Form, eine neue Erscheinung von etwas uraltem und wohlbekanntem – dem Humanismus.

Dass ich meine Erzählung genau jetzt, in diesem Augenblick, beginne, hat einen sehr konkreten Grund, der in meinem Verständnis ebenso reizend wie verpflichtend zum Widerspruch ist. Es geht um das scharfe Bewusstsein für das massenhafte Unwissen, das Unverständnis und – als Folge davon – die allgemein akzeptierte öffentliche Aggressivität im heutigen Bulgarien gegenüber neurodivergenten Menschen. Das unerträgliche Gefühl angesichts der erstaunlichen Hässlichkeit und Grobheit, zu der die Menschen in meinem Heimatland fähig sind, wenn es um die „Anderen“ geht – besonders wenn im Gespräch ferne, nichts sagende Wörter wie „Asperger-Syndrom“ oder „Autismus“ fallen. Die primitive, von Unwissen getränkte, fast barbarische Gleichgültigkeit gegenüber den Wunden, die all dies hinterlässt, als wäre das nicht das Werk reifer Menschen, sondern boshafter, unwissender Kinder, die sich damit vergnügen, irgendein Tierchen zu quälen… Oh ja! Oh nein!

Spanne deine Flügel weit und fliege, du unvergleichliche Seele, bulgarische…

* * *

Lea Enev wurde an einem Novembertag im Jahr 1996 gegen Mittag geboren. Es war eine friedliche und ruhige Geburt, soweit man etwas derartiges überhaupt als „friedlich“ oder „ruhig“ bezeichnen kann. Auf jeden Fall kam sie zur Welt, ohne uns auch nur einen Moment Grund zur Sorge zu geben – anders als ihr älterer Bruder, der in absolut typischer Manier auf einer eigenen Meinung zu allem bestand, selbst zum Beginn seines Lebens, und uns fast stundenlang zur Verzweiflung trieb, weil er verkehrt herum auf die Welt kommen wollte. Peter Enev, der ewige Dissident…

Mit Lea dagegen schien alles irgendwie wunderschön, vollkommen und mit Geschmack gestaltet. Natürlich gibt es nichts Schöneres auf der Welt als das eigene Kind, aber dieses kleine Mädchen wirkte von Anfang an besonders gut proportioniert, hübsch wie ein Bild. Sie war ein rosiges, leicht grimmig dreinschauendes Baby, doch sonst recht ruhig und im Vergleich zu ihrem Bruder irgendwie einfacher. Sie begann sofort zu trinken, gierig und unermüdlich; sie schlief, soweit ich mich erinnere, ungewöhnlich friedlich für ein so kleines Kind. Kein Kind, sondern ein Traum. Das sind die frühesten Erinnerungen, mit denen ich sie festgehalten habe.

Und so ging es etwa zwei Monate lang weiter. Bis plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, die erste Warnung kam, dass etwas an ihr „untypisch“ war.

Das Kind fing an zu kreischen.

Natürlich schreien alle Kinder, besonders in diesem Alter. Aber ihr Kreischen hatte nichts mit dem Schreien neurotypischer Kinder zu tun. Sie hörte einfach nicht auf – und das immer nachts – über viele Stunden hinweg, im Grunde bis zum Morgen, ganz gleich, wie viel und welche Anstrengungen wir unternahmen, um sie zu beruhigen. Es ist schwer, die Realität dieses Erlebnisses zu beschreiben, dieser ersten Begegnung – und, wenn man so will, ersten Konfrontation – mit dem Autismus, wenn man nicht die leiseste Ahnung hat, womit man es zu tun hat und was einen in Zukunft erwartet (ja, eigentlich für den Rest des Lebens). Das Kind schreit und schreit, und in einem selbst kämpfen unzählige Gefühle und Empfindungen gegeneinander – die meisten von ihnen, zumindest bei mir, verbunden mit heftiger Aggression, geboren aus Unverständnis und der Angst vor einem so unbegreiflichen, so unerklärlichen Verhalten. Das kleine Wesen schüttelte sich in offensichtlichen Krämpfen unkontrollierbarer Angst – und ein wissender, vorbereiteter Mensch wäre gewiss in der Lage gewesen, es auf die einzige Art zu nehmen, die für das Leben mit einem autistischen Kind taugt: Verständnis, Verständnis, Verständnis; Annahme, Annahme, Annahme.


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Ja, ein wissender und vorbereiteter. Aber der Mensch, der ich damals war, war alles andere als wissend und vorbereitet – und in Momenten von Wut und Angst zudem weitgehend der natürlichen, tiefen Empathie beraubt, mit der ihre Mutter immer begabt war. So kam es zu der ersten großen Schuld, der ersten großen Last gegenüber diesem Kind, die mir bestimmt ist, bis zum Ende zu tragen.

Ich beschloss, dass die Kleine „Erziehung“ brauche. Und ich setzte sie durch.

Sancta simplicitas! Nach ein oder zwei Wochen enormer Anstrengung, völlig schlafloser Nächte und immer größerer Müdigkeit und Frustration „entschied“ ich schließlich, dass es so nicht weitergehen könne. Ihre Mutter versuchte zu widersprechen, darauf zu bestehen, dass wir sie im Arm halten und ganz nah bei uns behalten müssten, egal was komme. (Bis zu diesem Zeitpunkt verbrachte Lea die Nächte meistens in unserem Bett, wobei einer von uns versuchte, sie zu beruhigen, während der andere versuchte zu „schlafen“. Peter, etwas über zwei Jahre alt, schlief bereits in seinem eigenen Zimmer, aber auch seine Nächte waren alles andere als ruhig – als Folge des enormen Stresses, den er natürlich registrierte, ob er wollte oder nicht.) Doch ich gab nicht nach: „Nein, hier braucht es eine feste Hand, sie muss wissen, wo ihr Platz ist. Peter haben wir schon genug verwöhnt.“ So oder so ähnlich müssen meine Worte gewesen sein. Ich war deutlich jünger und deutlich unwissender. Vielleicht taugt das als eine Art Erklärung. Eine Entschuldigung finde ich nicht, und ich glaube auch nicht, dass es nötig ist, eine zu suchen. So war ich.

Wir machten ihr in dem Nebenzimmer eine Art Nest aus Matratzen, Laken und Decken – und ließen sie dort „sich ausbrüllen“. Die Herzlosigkeit und Grausamkeit dieser Entscheidung erscheinen mir heute so unmenschlich, dass ich mich jedes Mal, wenn ich mich daran erinnere, gegen den aufsteigenden impulsiven Scham und Selbstmitleid wehren muss – doch das nützt nichts. Ich muss es erzählen – es ist wichtig. Das Kind verbrachte jede folgende Nacht in unaufhörlichem Weinen – fünf, sechs oder mehr Stunden am Stück –, bis es schließlich vor völliger Erschöpfung „einschlief“. Natürlich ließen wir sie nicht die ganze Zeit allein – alle paar Stunden fütterten wir sie, trugen sie herum und versuchten, sie zu beruhigen, doch längst viel weniger als am Anfang. Todorka litt sehr, aber da sie selbst am Rande völliger Erschöpfung stand, akzeptierte sie die „Lösung“ als unausweichlich. So lebten wir – und „erzogen“ Lea.

Ich erinnere mich nicht genau, wie lange das so ging. Es müssen mindestens drei Monate gewesen sein. Schließlich stellte sich ein irgendwie „stabilerer“ Zustand ein. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, ob Lea aus der grausamen Dressur, der wir sie aussetzten, tatsächlich „etwas gelernt“ hat oder ob sie einfach einen inneren Zustand erreichte, in dem sie mit dem Schrecken und der Angst zurechtkam. Jedenfalls wurde sie nach außen hin ruhiger, und irgendwann lebten wir – oder zumindest ich – mit dem Gefühl eines verdienten „Sieges“. Um Himmels willen, Sieg? Sieg über wen? Über das eigene Kind? Manchmal frage ich mich, wie ich überhaupt den Weg aus diesem Labyrinth von Verblendung, Egomanie und machohaftem Sturkopfgehabe gefunden habe – falls ich ihn überhaupt gefunden habe.

Hier möchte ich die erste unvermeidliche Abschweifung machen, um die unmittelbare Realität des Lebens mit Autismus zu erklären – und in einen weiteren Kontext zu stellen. Es ist außerordentlich wichtig, die Chance zu bekommen, wenigstens ein wenig zu verstehen, was dieses Phänomen eigentlich darstellt, was seine Ursachen und Wurzeln sind und – was am wichtigsten ist – wie seine Realität ungefähr aussieht. Es gibt inzwischen viele persönliche Zeugnisse, gesprochen, geschrieben und formuliert von autistischen Menschen, darüber, wie die Welt durch ihre Augen aussieht, sowie viele Geschichten, die Eltern erzählen. Es ist wichtig, sie zumindest ein Stück weit zu kennen. Ohne ein solches Verständnis ist keinerlei Entwicklung auf beiden Seiten möglich.

Über die wissenschaftliche und historische Seite des Phänomens werde ich später sprechen, wenn es mir gelingt. Zu viele Dinge drängen sich in meinem Kopf nach Ausdruck – ich hoffe, ihr versteht das. Doch das Erste, was ich sagen will, was ich sagen muss, ist, dass die Realität des Autismus aus einem einzigen, endlosen, betäubenden, wahnsinnig machenden Schrecken besteht. Dies haben viele Autistinnen und Autisten in späteren, reiferen Phasen ihres Lebens berichtet, aber der Anfang ist bei allen derselbe: Schrecken, Schrecken und noch einmal Schrecken. Der Grund dafür ist für uns andere ebenso unzugänglich, wie er leicht zu verstehen ist – sobald man sich nur einmal die Mühe macht, verstehen zu wollen:

Sie sind einfach nicht in der Lage, „abzuschalten“.

Was heißt das ganz konkret? Nun, es ist vergleichsweise einfach: Schauen Sie sich für einen Moment um – jetzt, in dem Augenblick, da Sie diesen Text lesen – und versuchen Sie, alle Reize aufzuzählen, die in Ihrer unmittelbaren Umgebung um Ihre Aufmerksamkeit konkurrieren. Vor Ihnen ist der Bildschirm Ihres Computers oder ein Blatt Papier, wenn Sie den Text ausgedruckt haben. Irgendwo im Nebenzimmer (oder vielleicht sogar im gleichen) läuft der Fernseher, das Radio oder irgendeine Musik. Ihre Angehörigen, falls sie in der Nähe sind, erzeugen allerlei Geräusche, Bewegungen, senden verbale und nonverbale Signale, beschäftigen sich mit etwas, das irgendeine Art akustischen oder visuellen Hintergrund in Ihrer unmittelbaren Umgebung hervorruft. Auf der Straße ist Verkehr, durch das Fenster ist etwas zu sehen, das sich höchstwahrscheinlich ebenfalls bewegt, summt, knurrt, stöhnt, einfach macht, was es will. Ist es nicht ein Wunder, dass Sie trotz all dem imstande sind, ruhig zu bleiben?

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Nun – all das ist für AutistInnen nicht möglich. Für sie ist die Abschirmung gegenüber den Reizen der Umwelt aus neurophysiologischen Gründen unmöglich, die nach wie vor tief im Dunkeln liegen. Ganz einfach gesagt – schon von den allerersten Momenten ihres Lebens an leben diese Menschen in einem Strudel, einem Wirbel, einem schwindelerregenden Strom von maximal verstärkten, maximal unerträglichen, maximal erschreckenden Hör-, Seh- und sonstigen Sinnesreizen, die ihnen buchstäblich keinen Augenblick Ruhe lassen. Was genau Autismus verursacht, ist weiterhin völlig unklar. Die gegenwärtig vorherrschende Theorie besagt, dass er eine Form genetischer Verschiedenheit darstellt, die aus unbekannten Gründen auftritt, aber in allen menschlichen Gemeinschaften außerordentlich beständig und konstant ist – ähnlich wie die Homosexualität.

All das ist von außerordentlicher Bedeutung. Im obigen Absatz finden sich mehrere Aussagen, die die Ecksteine beim Aufbau der Fähigkeit bilden, Verständnis zu entwickeln, später – vorbehaltlose Annahme, und schließlich – berechtigten elterlichen Stolz auf das Leben und die Leistungen, die mit diesem langsamen, schmerzhaften und sehr schwierigen Wachstum verbunden sind: dem Leben mit Autismus und mit der autistischen Person. Wenn mich meine eigene Erfahrung nicht täuscht, betrifft das sogar unsere Fähigkeit, diese Kinder zu lieben. Glauben Sie mir – nichts daran ist einfach.

Und so:

Erstens: Es ist nicht wichtig, was genau die – auf den ersten Blick – unmenschlichen Reaktionen verursacht, mit denen dieses Kind Sie über viele Jahre hinweg immer wieder konfrontieren wird. Wichtig ist, dass Sie verstehen: Es hat keine andere Wahl – zumindest nicht am Anfang, bevor es gelernt hat, mit dem Schrecken zu leben. Sie haben eine Wahl – es nicht. Ich wiederhole: Dieses Verständnis ist von außerordentlicher Bedeutung.

Zweitens: Es ist nicht wichtig, was genau den Autismus selbst verursacht. Es ist nicht wichtig – im Gegenteil, es ist außerordentlich schädlich –, Hoffnungen zu nähren, dass eines Tages ein Wunder geschehen und Ihr Kind „geheilt“ werden wird. Das ist unmöglich, denn Autismus ist keine Krankheit, sondern ein psychischer Zustand mit eigenen Dynamiken, die – oh ja! – sehr langsamen, sehr allmählichen Veränderungen unterliegen, aber grundsätzlich unaufhebbar sind. Erst wenn Sie akzeptieren, dass Sie nicht „gegen die Krankheit“ kämpfen, sondern für Ihr Kind, erhalten Sie eine Chance auf Wachstum, auf Gelassenheit, Ausgeglichenheit, Normalität, Menschlichkeit. Vorher waren Sie nur „Opfer“ – Opfer Ihrer eigenen wie auch der gesellschaftlichen Vorurteile, die mit dem massenhaften Unwissen einhergehen, das dieses Phänomen umhüllt.

Im Gegenteil: Von größter Bedeutung ist es, alle Ihre Anstrengungen – von dem Moment an, in dem die Diagnose einigermaßen klar ist – auf volle Hingabe, Liebe und jede erdenkliche Unterstützung für das Kind zu richten. Alle Kinder brauchen Liebe, um normal aufzuwachsen; autistische Kinder brauchen zehnmal so viel. Das mag wie eine überflüssige Betonung erscheinen, aber meine eigene Erfahrung spricht dagegen: Ein autistisches Kind zu lieben, ist keineswegs leicht; dieses fremdartige, unverständliche kleine Wesen bringt Sie ständig, ständig, ständig an die Grenzen Ihrer eigenen Belastbarkeit und Ihres Verständnisses – bis Sie unausweichlich in jene Momente geraten, erfüllt von schwerer, unerträglicher Schuld, in denen Sie das Gefühl überwältigt, dass es schlicht unmöglich ist, es zu lieben.

Gegen diese dunklen, erdrückenden Gefühle und Zustände – die Gleichgültigkeit, die Angst, die Aggression gegen das eigene Kind – anzukämpfen, ist außerordentlich schwer, und ich habe mehr als nur ein Elternpaar unter dieser Last zerbrechen sehen: Sie gaben ihre Kinder auf oder brachten sie in Institutionen, lange bevor diese die grundlegenden Fähigkeiten für Kommunikation und Überleben in einer völlig verwirrenden, erschreckenden Welt erlernt hatten – und nahmen ihnen damit jede Chance auf ein glückliches oder wenigstens normales Dasein. Sie nahmen sie sowohl den Kindern als auch sich selbst.

Kein Mensch kann sich eine solche Tat vergeben, ob er es bewusst wahrnimmt oder nicht – und das Ergebnis eines solchen elterlichen Versagens ist gewöhnlich mit einer mehr oder weniger vollständigen Zerstörung der Persönlichkeit verbunden. Mehr muss ich dazu nicht sagen – behalten Sie es einfach im Kopf: So schwer das Leben mit dem „kleinen Monster“ auch erscheinen mag, es gibt keine Alternative zu Hingabe, Liebe und bedingungsloser Unterstützung. Alles andere ist ein schleichender Selbstmord – bewusst oder unbewusst.

Und doch – so ist die menschliche Natur – keiner von uns kann mit so etwas ohne Antworten leben, so unvollständig oder widersprüchlich sie auch sein mögen. Die Frage „warum, warum, warum… warum gerade ich?“, begleitet von dem unerträglichen Gefühl, vom Leben, von der Welt, von Gott „bestraft“ zu sein, verlässt einen keinen Augenblick, besonders in den ersten Jahren. Und das Fehlen einer Antwort ist so erdrückend, dass die Anstrengungen, die nötig sind, um das Gefühl des schicksalhaften Verdammtseins zu überwinden und danach Gelassenheit, ja sogar Glück zu erlangen, unmenschlich, unerreichbar, unvorstellbar erscheinen. Deshalb entwickeln wir alle – ob wir wollen oder nicht – unsere eigenen Erklärungen für die Ursachen, die zur Erscheinung dieses Menschen in unserer eigenen Familie geführt haben.

Bei uns gibt es mehrere Versionen, und ich will sie hier mit Ihnen teilen, um das Bild zu vervollständigen. In den ersten Jahren brachten wir Leas Beeinträchtigung mit einer Hypothese in Verbindung, die so verrückt wie plausibel war: dass die Entwicklung ihres Gehirns in der Embryonalphase unter dem Einfluss erhöhter Quecksilberwerte im Körper von Todorka geschädigt worden sei.

Die Sache war nämlich so: Lea war nicht geplant – sie kam unerwartet und überraschend –, und nur ein Jahr zuvor hatten sowohl meine Frau als auch ich aufwendige und komplizierte Eingriffe hinter uns, bei denen unsere alten „sozialistischen“ Füllungen vollständig durch neue, „kapitalistische“, unschädliche ersetzt wurden.

Das teure und langwierige Verfahren befreit einen zwar von der Angst, den eigenen Körper langsam, aber sicher von innen zu vergiften, führt aber gleichzeitig – ein bewiesener Fakt – für eine gewisse Zeit zu erhöhten Quecksilberkonzentrationen im Körper, da das Entfernen der Füllungen mit einem gewissen „Austreten“ ihres giftigen Inhalts in den Stoffwechsel einhergeht.

Nach einem solchen Eingriff schwanger zu werden, ist natürlich alles andere als ratsam. Nun, uns ist es passiert.

Ich habe oben das Wort „verrückt“ benutzt, weil uns die viel objektiveren und naheliegenderen Erklärungen die ganze Zeit über direkt vor der Nase lagen – jene, mit denen wir heute leben. Ich meine unsere eigenen Stammbäume und das Vorhandensein ganz offensichtlicher, klar erkennbarer genetischer Vorläufer, die mit dem Erscheinen unseres Kindes zusammenhängen.

Todorka hat eine Verwandte, die ebenfalls von einer Form psychischer Beeinträchtigung betroffen ist. Bei mir selbst wiederum trat eine Entwicklung ein, die man aus den Geschichten vieler anderer Eltern autistischer Kinder kennt: Im Laufe der Zeit, durch das Leben mit Lea, begann ich langsam und allmählich zu begreifen, in welchem Maße mein eigener psychischer – und wahrscheinlich auch genetischer – Aufbau bereits die Keime des Autismus in sich trug.

Kürzer gesagt: Im Laufe der Jahre habe ich zunehmend verstanden und gespürt, dass ich selbst Träger des Asperger-Syndroms bin – ein Mensch, mit hoher Intelligenz begabt, zugleich aber so belastet von inneren Spannungen, Unsicherheiten und Ängsten, dass ihm letztlich einige der grundlegendsten Mechanismen fehlen, um Gemeinschaft und Zugehörigkeit mit anderen Menschen zu erleben.

Ein ewiger Einzelgänger, der immer und immer wieder den Weg zur Gemeinsamkeit sucht – und ihn nicht findet.

* * *

Manchmal denke ich: Wenn man mich an einen Haken hängen und von oben bis unten aufschlitzen würde, dann würden nicht die üblichen Dinge herausfallen, die aus einem solchen menschlichen Sack herausfallen – Därme, Blut, Scheiße –, sondern Worte.

Ich sage dies ohne jedes wirkliche Gefühl der Übertreibung, abgesehen von der bewusst gesuchten Drastik des Bildes: In meiner eigenen Erfahrung sind Worte immer etwas Unabhängiges gewesen, ja etwas, das meiner bewussten Willenskraft sogar zuwiderläuft. Etwas, das mich von innen aufbläht, mich oft quält und im Grunde tut, was es will.

Von frühester Kindheit an, als sie mir nicht selten Ärger einbrachten – mit Eltern, mit Lehrern, mit den anderen Kindern, die mich in einem Ausbruch irgendeines Gruppeninstinkts ausgrenzten und lieber mieden –, bis heute, wo wieder die Worte, diesmal niedergeschrieben und überall hingestellt, mich immer wieder in Schwierigkeiten bringen … ja, während all dieser Zeit sind sie unverändert – und bleiben es – etwas völlig Eigenständiges, kosmisch Geheimnisvolles, leicht Bedrohliches und vor allem: etwas, das mich isoliert, nicht etwas, das mich mit Menschen verbindet.

Ja, die Isolation. Diese unsichtbare, dehnbare, endlos ausweitbare und doch undurchdringliche Mauer, die mich selbst in Momenten größter Intimität und Nähe immer von den „Menschen“ getrennt hat.

Das Gefühl der Nichtzugehörigkeit, der unüberwindbaren Andersartigkeit und Fremdheit; etwas, das ich erst im reifen, fast schon „erwachsenen“ Alter als unausweichlich zu akzeptieren gelernt habe – ohne je jenen unstillbaren Juckreiz überwunden zu haben, der manchmal in Schmerz übergeht und mit diesem schwer erträglichen Zustand verbunden ist.

Die Unfähigkeit, sich je wirklich beteiligt, zugehörig oder interessiert zu fühlen – wo und wann auch immer.

Der stets gesenkte Blick, der mir mit meiner Mutter immer denselben Ärger einbrachte – eine eigenartige Frau, die es verstand, in ein und derselben Person sowohl ein sehr tiefes, grenzenloses individuelles Empfinden für das Schöne als auch eine Art vorbehaltlose, fast paranoide Verehrung der Notwendigkeit öffentlicher Wohlanständigkeit zu vereinen.

„Die Leute beschweren sich schon wieder, dass du sie auf der Straße nicht grüßt! Wann wirst du endlich lernen, dich anständig zu benehmen, wann?“

Heute, da mein Sohn mich – völlig unerwartet – damit konfrontiert, dass es bei ihm genau dasselbe ist, dass auch er wie sein Vater enorme Schwierigkeiten mit dem Zusammensein hat, mit dem, was alle anderen, so scheint es, einfach so, mit einem Fingerschnippen erreichen, versuche ich vergeblich, ihn zu beruhigen: dass die schwersten Formen dieser Art von Isolation unausweichlich mit der Jugend verbunden sind; dass man mit zunehmendem Alter lernt, sich selbst zu überlisten oder wenigstens nicht mehr mit derselben brennenden Eindringlichkeit das Gefühl der Einsamkeit zu spüren; dass dies nur der Preis ist, den Menschen dieser Art – welcher auch immer – für ihre Einzigartigkeit zahlen müssen; dass es auch eine Belohnung gibt für die Isolation, für das Scheitern an der Kommunikation, für die Vereinzelung.

Für ihn sind all das nur Worte – Worte, die für einen Moment, stark eingefärbt von Egomanie, eine flüchtige Erleichterung verschaffen können.

Und wie könnte es auch anders sein?

Zlatko Enev ist ein in Bulgarien geborener Schriftsteller, Herausgeber und Philosoph, der seit 1990 in Berlin lebt. Er promovierte in Philosophie an der Universität Sofia und ist Autor mehrerer Bücher aus den Bereichen Belletristik, Essayistik und Kinderliteratur. Sein Werk ist geprägt von einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit Erinnerung, Identität und den Grenzen kultureller Narrative. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit betreibt er die bulgarischsprachige Plattform Либерален преглед (Liberale Rundschau), die sich der Veröffentlichung längerer analytischer und essayistischer Texte widmet.

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