Zlatko Enev
„Die Kinder von Hans Asperger“
(Auszug)
Teil 4

Ich weiß nicht, wie man eine solche Erzählung beginnt, ohne zusammenzuzucken vor der Angst, dass alles, was noch immer brennt und brandmarkt – selbst jetzt, in diesem kühlen Moment der damals vor mir liegenden Zukunft –, in Wahrheit banal, farblos, bedrückend ist, einfach langweilig. Wie erzählt man von etwas, das man als das Ende seines Lebens erlebt hat, das von außen betrachtet aber „nur“ eine Scheidung ist? Nur eine Trennung, ein Auseinanderdriften, ein weiteres Splitterchen des Alltags der Welt, in der wir leben.
Uff, Gott, wie denn, wie? Man hämmert einfach auf die Tasten und hofft auf Glück, was sonst? Ist es nicht jedes Mal dasselbe, wenn man der gleichgültigen Kälte des leeren Bildschirms gegenübersteht? Und ist das, was du gerade treibst, nicht bloß der Versuch, deine Geschichte hübscher zu machen, zu versüßen, ein wenig vorteilhafter zu verkaufen? Zlatko, du bist weder der Erste noch der Letzte, der im Schaum seines eigenen Redeschwalls ertrinkt – also zieh die Hosen hoch und reiß dich zusammen, bevor es zu spät ist! Bist du nicht längst erwachsen?
Schon gut, schon gut. Ich fange an.
„Komm bitte rüber. Ich muss dir etwas sagen.“
Verdammt, schon wieder drückt es mir die Tränen hoch – so geht das nicht, es geht einfach nicht! Heute den ganzen Tag: wohin ich blicke, nur Fetzen vor den Augen, alles wässrig, verwaschen, nichts klar. Neben mir habe ich Herbert Grönemeyer bis zum Anschlag aufgedreht in der Hoffnung, er helfe irgendwie, aber woher denn. Alles, was ich höre, ist:
„Wann ist ein Mann ein Mann? Wann ist ein Mann ein Mann? Wann ist ein Mann ein Mann?“
Nicht, dass ich völlig unvorbereitet gewesen wäre. Nicht, dass alles wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam. Sonst hätte ich es kaum so aufgenommen – wie soll ich sagen – als verdientes Urteil und nicht als irgendeine kosmische Ungerechtigkeit. Ich habe immer geahnt, dass die Nähe zu mir früher oder später zu brennen beginnt, zu scheuern, wie rohgeschabte Haut, wer weiß. Todorka bestätigte nur mein eigenes Gespür – wenn auch auf eine Weise, die mich augenblicklich aus den Höhen der Selbsttäuschung stürzte. („Schon klar, leicht ist es mit mir nicht, aber es hat doch bestimmt auch Vorteile – schau, wie tüchtig ich bin, wie ich dafür sorge, dass hier alles läuft, was für ein Brotverdiener ich als Vater bin.“) Die üblichen Selbstentlastungen eines jeden Kerls, der sich verzweifelt vor der Unausweichlichkeit des einzigen Schlusses zu schützen versucht, der ihm vor Augen flimmert: „Aufschub vorbei, mein Freund. Das war’s.“
Am Anfang hoffte ich natürlich, das Gewitter werde noch ein wenig grollen und dann abziehen. Ich duckte mich, wartete ab, schob alles hinaus, trottete hinterher – in der Hoffnung, sie werde es sich irgendwann anders überlegen. Allein, mit diesem Kind? Mit beiden? Bist du bei Trost, Frau?
Nach außen schwieg ich meist, versuchte, überall zu helfen, wo ich konnte, aber ich kannte Todorka gut genug, um nicht in Dummheiten zu verfallen – keine Bitten, keine Spiele, kein Zureden. Sie ist festes deutsches Material, nordischer Schlag. Ihre ganze Familie ist so. Wenn sie dich lieben, lieben sie dich ganz. Aber wenn du dir die Suppe selbst eingebrockt hast – Gott steh dir bei! Vergebung gibt es nur dort, wo sie Sinn hat. Sonst: jeder seinen Weg, und Schluss.
Also schwieg ich, machte mich klein und wartete. Eine Woche verging. Dann die zweite, die dritte. Bei Todorka ging die Geduld sichtbar zu Ende. „Was glaubst du eigentlich“, sagte sie, „dass es sich einfach so verläuft? Wird es nicht. Es tut mir leid. Pack deine Sachen und geh. Zwischen uns ist es vorbei.“
Ich schwieg. Und vibrierte vor mich hin. Mein Kopf – angeblich immer auf Volllast, immer imstande, einen Ausweg, eine Lösung, Rettung zu finden, hey, das ist ein Kopf und kein Kohlkopf! – brachte diesmal kein einziges Grün zustande, überall nur Rot, Bruder, keine, absolut keine Hoffnung! In meiner Verblendung hatte ich bis dahin nicht einmal im Ansatz begriffen und gefühlt, wie sehr ich hier ein Baum ohne Wurzeln war, in diesem fremden Land, mit fremden Sitten, fremden Menschen, fremden Wassern, fremd in allem – ohne die rettende Wärme und den Schutz jenes stillen, geborgenen Orts, des Hafens, des Zuhauses. Was, zum Teufel, mache ich hier ohne sie, weggeworfen wie ein Haufen Lumpen auf dem Müll, allein, allein, allein? Was mache ich?
Ich starrte, blinzelte und sah nicht. Kein Ausweg; überall die Klinge. Ich kenne meine Art: Mir kam nicht eine Sekunde lang der Gedanke, dass ich nun einfach hinausginge und „etwas anderes, jemanden anderen“ fände – juchhei, hurra. Nein. So ticke ich nicht, das weiß ich. Damals gehörte das Wort „Asperger“ noch nicht zu meinem Selbstverständnis, aber das Gefühl, dass ich anders ticke – dass es für mich, mich zu binden, bei jemandem zu bleiben, zusammen mit jemandem Wurzeln zu schlagen, eine Eins-zu-einer-Million-Chance ist –, dieses Gefühl hat mich immer aus dem Dunkel des Bewusstseins heraus verfolgt, die hinterhältige Bestie! Ebenso wie die wahnsinnige Angst, als Vater zu versagen – und damit als Mensch erledigt zu sein. Keine falsche Scham: Ich bin ein Provinzbursche, ich kann bei solchen Dingen nicht „großzügig“ denken; für mich gibt es da kein Rütteln. Kinder sind die höchste Pflicht im Leben, das Werk all deiner Mühen, Gedanken und Fähigkeiten. Was du sonst treibst, ist dein Bier – freie Kür. Aber wenn du in dieser Pflicht, der eigentlichen, versagst, dann pack deine sieben Sachen und räum das Feld. Hier ist kein Platz für dich. Der Nächste, bitte. Wir haben dich geprüft, du bist durchgefallen – dort ist die Tür.
Und das Vibrieren wurde stärker und stärker. Irgendwann begann meine Mechanik ernsthaft nachzugeben, vibrierte, ratterte, und dann fielen hier und dort die Teile ab. Leise, ohne großes Getöse, eins nach dem anderen – und ich starrte, blinzelte, machte mich klein und sah nichts, nichts, nichts. Von überall her dasselbe, überall die gleiche blinkende Anzeige: „Ende! Ende! Ende!“
Na gut, ich machte mich klein und blinzelte – aber Todorka lockerte den Griff nicht. Als sie sah, dass ich, wenn man mich gewähren ließe, wohl bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag hinausschieben würde, stellte sie mich vor vollendete Tatsachen: „Wenn du bis zu dem und dem Datum nicht ausgezogen bist, mache ich es – zusammen mit den Kindern. Entscheide dich.“
Und so nahm ich das Urteil endlich an, robbte auf dem Bauch hinaus und schleppte mich durch Berlin, um mir eine neue Wohnung zu suchen. Tot oder lebendig – handeln musste ich, die Zeit wartet auf niemanden. Dennoch rechnete ich: So, wie ich am Absaufen war – bliebe ich ganz allein, würde es mich zu irgendeiner Dummheit treiben. Also besser unter Menschen unterschlüpfen, wenigstens ein bisschen Schutz im Wirbel, damit es mich nicht davonweht wie ein gestriges Kätzchen. Also suchte ich ein WG-Zimmer, etwas Kommunales. Davon gibt es hier viele – ein bisschen nach russischer Art, aber nicht aus Armut, sondern weil es in jungen Jahren praktischer ist. Wie überall, nehme ich an.
Nun gut, gerechnet hatte ich – nur offenbar ohne die Wirte. Die waren zwanzig, höchstens dreißig; ich ging auf fünfundvierzig zu, der Kopf schon kahl, der verräterische Körper schlug Falten hier und da – das Alter lässt sich nicht in einen Koffer packen. Die jungen Leute musterten mich, schätzten mich ein und rochen sofort, dass mich innen etwas würgte. Ich mühte mich, einen soliden Eindruck zu machen – ein bisschen wie beim Vorstellungsgespräch –, aber es klappte einfach nicht. Einmal, zweimal, fünfmal, zehnmal – überall mieden mich die Jungen wie verdorbene Ware. Sie wollten mich nicht. Mich begann es ernsthaft zu schütteln.
Todorka hatte sich übrigens auch etwas beruhigt, ließ den Schraubstock lockerer. Sie sah mich mitleidig an – sie merkte, dass mir bald eine Sicherung durchbrennt. Kein Quatsch. Das Ultimatum verstrich, und wir wohnten noch immer unter einem Dach, ertrugen einander, schliefen sogar im selben Bett. Gewohnheit – was will man machen.
Und ich suchte weiter, immer weiter…
Und die Kinder? Nun, nichts – oder jedenfalls nichts Dramatisches; kann der Mensch alles sehen? Peterchen sträubte sich und zog sich in sich zurück, wie ein junges Igelchen – die Stacheln noch weich, aber bemüht, sich zu schützen, damit Schmerz und Angst ihn nicht auffressen. Er schwieg, saß den ganzen Tag am Computer und achtete darauf, niemandem im Haus zu begegnen, ging auf Zehenspitzen, als wäre er schuld an all dem, was geschah. Und Leachen? Leachen natürlich – pures Herz, jedenfalls nach außen. Jetzt fröhlich, im nächsten Augenblick rasend – wie gerade die Strömung kommt. Die Normalität lauert überall, Bruder.
Vielleicht denkt ihr inzwischen: „Wie, das war dein großer Tod? Nun mach mal halblang, blend auf Abblendlicht. Nach all dem Getöse eben habe ich schon gedacht, du hängst an irgendeinem Haken – und jetzt entpuppt sich das als bloßes Gejammer. Schämen solltest du dich.“ Also will ich, so gut ich kann, erklären: Als einige andere kluge Köpfe Goethe (jawohl, Johann Wolfgang – Gott hab ihn selig) fragten, warum er überhaupt noch lebe, nachdem er das damals berühmteste vom Tod durchtränkte Buch, Die Leiden des jungen Werther, geschrieben habe, antwortete er schlicht, der Werther sei in ihm gestorben. Mehr kann auch ich nicht sagen.
Tja. Und dann geschah das Wunder…


