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Materialien – Beiträge
Für uns alle, die wir anders sind – mit Liebe
Zlatko Enev, Die Kinder von Hans Asperger
(bulg. Original: Възхвала на Ханс Аспергер)
Verlag „Colibri“
Umschlaggestaltung: Damyan Damyanov
Lektorat: Tatyana Dzhokova
Das im Jahr 2020 in Bulgarien erschienene Buch von Zlatko Enev Die Kinder von Hans Asperger (bulg. Original: Възхвала на Ханс Аспергер) ist inzwischen auch in Deutschland veröffentlicht worden und bei Amazon erhältlich. Es ist ein fesselndes Buch, das sich wie Literatur liest, obwohl der fiktionale Anteil darin auf ein Minimum reduziert ist. Mutig, ehrlich, selbstentblößend. Zugleich traurig und glücklich, beunruhigend und optimistisch. Vielleicht ist dieser aufbauende philosophische Zugang zur existenziellen Hoffnungslosigkeit des Lebens kein Zufall, sondern bewusst gewählt von seinem Autor, einem ausgebildeten Philosophen.
In Die Kinder von Hans Asperger geht es jedoch nicht um die im Grunde gewöhnlichen Prüfungen, die die meisten von uns im Laufe ihres Lebens durchlaufen müssen, ob wir wollen oder nicht. Zlatko Enev erzählt die wahre Geschichte seiner Familie, verbunden mit seinem Bemühen, seiner Tochter Lea – bei der Autismus diagnostiziert wurde – ein würdevolles Leben und Entwicklungsmöglichkeiten zu sichern. Das Buch ist so geschrieben, dass sich jeder, auch ohne eine vergleichbare Erfahrung, mit der überzeugend gestalteten (weil vollkommen realen) Erzählerfigur identifizieren kann; dass man seinen Schock über die der Diagnose vorausgehenden Ereignisse miterlebt, den mühevollen Weg bis zu ihrer Feststellung und die unerbittliche Klarheit dessen, was folgt. Die Erkenntnis der Unumkehrbarkeit.
Zur Faszination des Erzählten trägt vor allem die selbstreflexive Darstellung des Vaters bei – nicht als Opfer eines blinden Schicksals, sondern als menschliches Wesen, das sich seiner eigenen Unvollkommenheit bewusst ist, seine Fehler sucht; sich Illusionen hingibt, am Ende jedoch die Lektionen und Möglichkeiten annimmt, die ihm die neue Situation eröffnet. Ein bewegender Moment ist die Antinomie zwischen dem äußeren Ich (für das die meisten von uns ihr ganzes bewusstes Leben lang arbeiten) und dem inneren Ich, das gewöhnlich unter dem Druck von Außendarstellung, Erfolg und Anerkennung verkümmert. Die Annahme des Unglücks als Chance gerade zur Rehabilitierung des inneren Ichs ist ein Zeichen starker Persönlichkeit, die Schmerz in Kraft zu verwandeln vermag. Dies ist der Grenzpunkt, an dem man nicht nur beginnt, Nietzsches Satz „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ zu verstehen, sondern ihn zu leben; ein existenzieller Punkt, an dem man auch Viktor Frankls dritte Wertkategorie annimmt, die unsere Haltung gegenüber dem unvermeidlichen Leiden betrifft. Man begreift, dass man, wenn man nicht wählen kann, was einem widerfährt, dennoch wählen kann, wie man es trägt. Eine Grenze, nach der man nicht mehr Philosophie studiert, philosophische Konzepte teilt oder verwirft, sondern lebt – so, dass man den Sinn bewahrt: für sich selbst und für die, die man liebt.
Die Erzählweise des Buches ist nicht linear oder rein berichtend, sie ist auch nicht vorhersehbar, obwohl gelegentlich bewusst vorgegriffen wird – was psychologisch auf kommende Prüfungen vorbereitet oder eine gewisse Beruhigung und Zuversicht hinsichtlich einer späteren Wiederherstellung des Gleichgewichts erzeugt. Rückblenden, Selbstbeobachtungen und das Durchbrechen der Chronologie gehören zu den erzählerischen Mitteln, die Spannung erzeugen und zugleich der Darstellung Tiefe verleihen. Dazu trägt auch der ständig präsente analytische Zugang zum Geschehen bei, insbesondere die Selbstanalysen. Insgesamt fern von Selbstmitleid und Verzweiflung, verschweigt der Erzähler dennoch nicht die depressiven Phasen, die er durchlebt hat – als Etappen seiner eigenen psychischen Entwicklung. Die Grenzen der persönlichen Geschichte werden immer wieder erweitert durch Verweise auf wissenschaftliche Erkenntnisse und bemerkenswerte Fälle aus der Weltgeschichte und Kultur, die mit Autismus und dem Asperger-Syndrom verbunden sind (letzteres tragen womöglich viele von uns in gewissem Maße in sich). Darunter findet sich etwa der in der Fachliteratur beschriebene einzigartige Fall zweier autistischer Zwillinge, die miteinander mittels sechsstelliger Primzahlen kommunizieren.
Zlatko Enev schreibt selbst, er habe versucht, die feine Grenze zwischen Offenheit und Selbstentblößung zu wahren. Letzteres ist jedoch beinahe unvermeidlich, wenn man ehrlich über eigene Irrtümer, Fehler und Schuld sprechen will. Der Autor verschweigt auch nicht die Phasen, die der Schmerz durchläuft – darunter jene, in der man andere beschuldigt. Doch es gelingt ihm – ohne Pose und ohne erzwungenen Idealismus –, zu zeigen, wie großes Unglück verbinden kann, Mitgefühl, Verständnis und Annahme hervorruft und uns schließlich ganz unmittelbar und unmerklich dazu führt, nicht nur die Worte Christi „Liebt eure Feinde“ zu bekennen, sondern sie zu leben. Genau genommen enthält diese Aussage eine kleine Ungenauigkeit, denn am Ende der erzählten Ereignisse (was im Grunde bereits zu Beginn angedeutet wird – das Buch hat in gewisser Weise eine kreisförmige Komposition) gibt es keine Feinde mehr. Es gibt Menschen, die einander lieben, helfen und dankbar sind, zufrieden mit dem Erreichten. Besondere Aufmerksamkeit gilt auch der unschätzbaren Unterstützung, die ein entwickeltes Land wie Deutschland nervenspezifischen Kindern und überhaupt Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen bietet. Ohne diese staatliche Hilfe – und zwar von Anfang an – hätte die Familie die Ergebnisse, die sie zusammenschweißen und ihren Einsatz mit Sinn erfüllen, nicht erreichen können.
Am Ende kehrt Zlatko Enev zu den Motiven zurück, die ihn dazu gebracht haben, dieses in seiner Entscheidung wie in seiner Umsetzung schwierige (aber leicht und fesselnd zu lesende) Buch zu schreiben. Diese stehen zunächst im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Vorurteilen gegenüber Kindern mit Autismus und anderen „Anderen“. Besonders in Bulgarien. Doch ein ebenso starkes Motiv – neben dem Bedürfnis, das eigene Leiden auszuweinen und die eigene Erfahrung mit jenen zu teilen, die ein ähnliches Schicksal tragen – ist das Bedürfnis, die Einsichten so vieler Denker, Philosophen und Dichter zu bestätigen: dass Unglück kein Urteil ist, sondern eine Lektion und ein Weg, eine Prüfung unserer Willenskraft und der Fähigkeit unserer Liebe, Verzweiflung und Mutlosigkeit zu überwinden.
Am Ende erscheint Krankheit nicht nur als Weg für diejenigen, die sie erleben, sondern auch für die Menschheit als Ganze. Denn „der Andere – das bin ich“. Der Autismus, der bestimmte Verbindungen zerstört und typische menschliche Fähigkeiten einschränkt, deutet zugleich auf die unerforschten Möglichkeiten des menschlichen Geistes und seines schöpferischen Potenzials hin. Es ist kein Zufall, dass Persönlichkeiten wie Newton, Einstein, Bill Gates oder Barbara McClintock ausgeprägte autistische Züge und Dispositionen aufwiesen.
„Autismus und Autisten sind nicht einfach etwas und Menschen, die toleriert werden müssen; sie sind notwendig, vielleicht sogar unvermeidliche Bestandteile, wesentliche Glieder in der Kette des menschlichen Fortschritts, ohne die er kaum so wirksam wäre“, schreibt Zlatko Enev im Schlussteil.

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