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Die Kinder von Hans Asperger – Ein Bericht
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Materialien – Beiträge

Ose: Eine kurze Geschichte einer Logopädin

Als wir uns im Krankenhaus kennenlernten, war er erst sechs oder sieben Jahre alt. Er galt als Autist. So auch sein vierjähriger Bruder. Beide konnten nicht sprechen oder sich irgendwie anders verständigen. Sie teilten auf der Station ein Zimmer mit ihrer Mutter, die sie zwei Jahre zuvor aus Italien nach Deutschland gebracht hatte. Von ihr wusste man, dass sie ursprünglich aus Kenia kam. Über den Vater wusste man nur – das hat mir die Mutter bereits beim ersten Gespräch auf Englisch mitgeteilt –, dass er ihre größte Liebe gewesen sei. Das konnte man in ihrem etwas verträumten Blick lesen, als sie von ihm sprach. Er habe eine Italienerin geheiratet und eine neue Familie gegründet. Die Mutter habe bereits eine in Kenia, sagte sie. Mit vier anderen Kindern und einem Mann, der sie ihren Eltern abgekauft habe, als sie etwa vierzehn Jahre alt gewesen sei. Jahre später sei sie abgehauen, um nicht zur Prostitution gezwungen zu werden. Von ihrem eigenen Mann.

Im Migrantenlager in Libyen habe sie Oses Vater kennengelernt. Zusammen seien sie auf Lampedusa angekommen.

Dort wurden Ose und sein Bruder geboren. Sie nahmen die gesamte Zeit ihrer Mutter in Anspruch, auch nachts. Der jüngere kuschelte gern mit ihr, Ose hatte die Angewohnheit, wegzulaufen.

Das Team auf der Station kümmerte sich nicht nur um die Kinder, sondern versuchte auch, der Mutter psychotherapeutisch zu helfen und ihr zumindest eine Stunde pro Tag ganz für sich allein zu ermöglichen.

Die Kinder wurden auch medikamentös behandelt, um eine gewisse Entspannung – es handelte sich nicht nur um Autismus, sondern auch um Traumata – und eine bessere Konzentrationsfähigkeit, im professionellen Jargon ein größeres Aufmerksamkeitsfenster, zu erreichen. Ein ganzes Team von Spezialtherapeuten kümmerte sich um sie. Als Logopädin habe ich mir das Ziel gesetzt, eine möglichst gute Kommunikation mit Ose zu erreichen. Das heißt: einen intensiveren und häufigeren Blickkontakt zu erlangen, etwas gemeinsam zu machen, einige Gesten zu lernen, mit denen er seine Wünsche besser äußern könnte. Letzteres war ein ziemlich ehrgeiziges Ziel. Das war mir von Anfang an klar, aber irgendwie ließ ich mich von meiner Intuition leiten.

Die ersten zwei Stunden haben wir, Logopädin und Ergotherapeutin, nach nahezu demselben Programm gearbeitet. Ose mochte Knete (ich habe es bei vielen autistischen Kindern beobachtet, dass sie weiche Materialien gern berühren und damit spielen), also haben wir damit angefangen, verschiedene Figuren aus Knete zu gestalten. Wir freuten uns riesig, wenn er ab und zu unsere Hilfe zuließ. Mitunter aber stieß er die Hand der jeweiligen Therapeutin zurück. Langsam wurden diese gemeinsam ausgeführten Handlungen etwas länger, d. h. bis zu 15 Minuten. Auch andere anregende Fortschritte machten sich bemerkbar: Ose schaute sich bei der Therapeutin die aus Knete gemachte Figur an und versuchte selbst, eine ähnliche zu machen. Gelegentlich machten sie zusammen eine Figur. Einmal fragte ich Ose, ob die männliche Figur einen Hut bräuchte, und er formte allein einen und setzte ihn auf den Kopf des Männchens. Das erfreute mich besonders, weil es auf ein, wenn auch rudimentäres, Sprachverständnis hindeutete. Es ging vor allem um eine zeitlich gebundene Reaktion. Es war in gewissem Sinne eine gemeinsame Handlung, entstanden durch die Sprache.

Ose begann, beim Aufräumen mitzuhelfen. Dennoch versuchte er immer wieder wegzulaufen. Er wurde immer wieder von der Mutter oder von einem Pädagogen zurückgebracht. Einmal habe er seine Ergotherapeutin, mit der er sehr gut zusammenarbeitete, fast geschlagen. Als Therapeut schwer betroffener Kinder entwickelt man normalerweise einen sehr schnellen Selbstschutzinstinkt. Meine Kollegin soll, bevor das passieren konnte, laut „No way“ gerufen haben. Wir sprachen mit Ose und seinem Bruder in einfachem Englisch. Ose habe seine zum Schlagen angehobene Hand wieder gesenkt.

Meinen persönlichen Durchbruch in der Therapie jedoch verdanke ich einer sonderbaren Gelegenheit von höchstens fünf Minuten. Ich hatte Ose gerade ins Patientenzimmer gebracht und berichtete seiner Mutter, wie die Stunde verlaufen war. Ose sauste im Zimmer hin und her, und sein kleiner Bruder machte ihm nach. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, aber in einem Augenblick begann ich zu tanzen, so, wie ich mir einen afrikanischen Tanz vorstellte. Ose stellte sich mir gegenüber und begann, meine Bewegungen zu imitieren. Zwar nicht spiegelbildlich, aber immerhin ziemlich genau. Sein kleiner Bruder war wie vom Blitz getroffen; er klammerte sich mal an mein Bein, mal an Oses Taille und gab erstaunte Laute von sich. Die Mutter lächelte.

Als ich ging und „bye-bye“ rief, kam ein „bye-bye“ aus Oses Mund. Er winkte mir zum Abschied. Die nächsten zwei oder drei Therapien waren deutlich ruhiger. Ose war viel konzentrierter. Es war möglich, gemeinsam zu malen. Ich bot Ose verschiedene Farben an, indem ich sie beim Namen nannte. Er gab mir Zeichen mit dem Kopf, ob er sie wollte oder nicht. Das unkontrollierte Herumwühlen in den Schränken hörte auf. Ein- oder zweimal konnte er mir sogar zeigen, was er haben wollte, anstatt meine Hand zu nehmen und mich dorthin zu führen, wie es bei Kanner-Autisten normalerweise der Fall ist. Wir hatten eine Geste für „Auf Wiedersehen“, nämlich das indische „Namaste“, oft begleitet von einem klaren „bye-bye“.

Nach ein paar Wochen gingen alle drei in ihre enge Wohnung zurück. Sie teilten die sie mit einer anderen Familie aus Afrika, die aber eine andere Muttersprache hatte, wie mir Oses Mutter erzählt hatte.

Evelina Grigorova ist eine in Bulgarien geborene Logopädin, die heute in Deutschland lebt und arbeitet. Sie ist spezialisiert auf die Therapie von Kindern und Jugendlichen aus dem Autismus-Spektrum sowie von Kindern und Jugendlichen mit neurologischen und psychischen Beeinträchtigungen.

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