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Materialien – Perspektiven
Autismus, Asperger und die Grenzen der Verurteilung: These und Antithese
Die Debatte um Hans Asperger und die nationalsozialistische Vergangenheit der Psychiatrie hat sich in den letzten Jahren in einem Maße zugespitzt, in dem die Nuancen zu verschwinden beginnen. Auf der einen Seite stehen historische Studien, die das lange gepflegte Bild Aspergers als Beschützer vulnerabler Kinder zerstören und ihn klar in den Rahmen eines Systems stellen, das zu ihrem Tod führte. Auf der anderen Seite bleibt die Frage, wie weit diese Verantwortung reicht – und was aus ihr folgt.
Im Zentrum der Auseinandersetzung steht nicht nur eine historische Figur, sondern etwas Grundsätzlicheres: die Bereitschaft, die Komplexität der Vergangenheit in eindeutige moralische Formeln zu übersetzen und daraus Entscheidungen für die Sprache abzuleiten, mit der wir uns heute selbst bezeichnen.
Ich veröffentliche hier zwei Texte, die deutlich unterschiedliche Positionen zu dieser Frage vertreten. Der erste ist ein Artikel von Simon Baron-Cohen, der die These von Aspergers Mitwirkung am nationalsozialistischen System vertritt und die weitere Verwendung seines Namens infrage stellt. Der zweite Text stammt von mir und entwickelt eine kritische Perspektive auf solche Schlussfolgerungen, indem er auf die Grenzen historischer Gewissheit – und jene der Verurteilung – insistiert.
Ziel ist es nicht, eine Entscheidung durchzusetzen, sondern den Raum wiederherzustellen, in dem Denken noch möglich ist.
These
Die Wahrheit über Hans Aspergers Mitwirkung im NS-System
Autor: Prof. Simon Baron-Cohen
Asperger’s Children: The Origins of Autism in Nazi Vienna
von Edith Sheffer. W. W. Norton (2018)
Der österreichische Kinderarzt Hans Asperger gilt seit Langem als Pionier der Autismusforschung. Er wurde sogar als eine Art Held gesehen, der Kinder mit dieser Besonderheit vor dem nationalsozialistischen Tötungsprogramm bewahrte, indem er ihre Intelligenz hervorhob. Heute jedoch gilt als unbestreitbar, dass Asperger an der Tötung von Kindern mit Behinderungen im Dritten Reich beteiligt war.
Der Historiker Herwig Czech hat dies in der April-Ausgabe 2018 der Zeitschrift Molecular Autism (deren Mitherausgeber ich bin) ausführlich dokumentiert. Die Historikerin Edith Sheffer baut in ihrem bemerkenswerten Buch Asperger’s Children auf Czechs Studie auf und ergänzt sie durch eigene Forschungen. Sie entwickelt die überzeugende These, dass die grundlegenden Ideen zum Autismus in einer Gesellschaft entstanden, die das Gegenteil von Neurodiversität anstrebte.
Diese Erkenntnisse werfen einen Schatten auf die Geschichte des Autismus, die ohnehin ein langer Kampf um präzise Diagnose, gesellschaftliche Akzeptanz und Unterstützung ist. Sie haben zudem eine Debatte unter autistischen Menschen, ihren Familien, Forschenden und Klinikern darüber ausgelöst, ob der diagnostische Begriff „Asperger-Syndrom“ aufgegeben werden sollte.
1981 veröffentlichte die Psychiaterin Lorna Wing einen Artikel in Psychological Medicine, der Aspergers klinische Beobachtungen erstmals im englischsprachigen Raum bekannt machte und den Begriff „Asperger-Syndrom“ prägte. Ein Jahrzehnt später übersetzte die Entwicklungspsychologin Uta Frith vom University College London in ihrem Buch Autism and Asperger Syndrome (1991) Aspergers Abhandlung von 1944 ins Englische, in der er behauptete, Autismus entdeckt zu haben.
1994 schließlich nahm die American Psychiatric Association (APA) die Diagnose „Asperger-Syndrom“ in die vierte Ausgabe des Diagnostic and Statistical Manual (DSM) auf. Das Syndrom ist gekennzeichnet durch Stärken wie ungewöhnlich intensive Spezialinteressen sowie Schwierigkeiten in sozialer Kommunikation und Interaktion bei Menschen mit durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher Intelligenz und ohne Sprachentwicklungsverzögerung. (In der Revision des DSM von 2013 wurde das Asperger-Syndrom zugunsten der einheitlichen Kategorie „Autismus-Spektrum-Störung“ gestrichen.)
In ihrer erneuten Untersuchung des historischen Kontextes von Aspergers Arbeit ergänzt Sheffer Aspekte, die bereits in der Studie von John Donvan und Caren Zucker (In a Different Key, 2016) angelegt waren, welche sich auf frühe Befunde Czechs stützt. Sheffer zeigt, wie das nationalsozialistische Ziel, eine „reine“ Gesellschaft zu schaffen, indem man Menschen, die als lebensunwert galten, vernichtete, direkt zum Holocaust führte.
Mit großer Sorgfalt und historischem Scharfsinn zeigt sie, wie sich die Psychiatrie unter Hitler – zuvor auf Mitgefühl und Empathie gegründet – in ein Instrument zur Klassifizierung der Bevölkerung in „genetisch“ geeignet oder ungeeignet verwandelte. Im Rahmen der „Euthanasie“-Programme mussten Psychiater und andere Ärzte entscheiden, wer leben und wer sterben sollte. In diesem Kontext entstanden diagnostische Kategorien wie die von Asperger eingeführte „autistische Psychopathie“.
Sheffer legt anhand medizinischer Akten und Überweisungsbriefe dar, dass Asperger Teil dieses Systems war. Er schützte Kinder, die er für intelligent hielt. Gleichzeitig überwies er andere an die Wiener Klinik „Am Spiegelgrund“, von der er zweifellos wusste, dass sie ein Zentrum der „Kinder-Euthanasie“ war und Teil der später so genannten Aktion T4.
Dort wurden Kinder, die als „genetisch minderwertig“ galten, getötet, weil sie als nicht anpassungsfähig oder als körperlich bzw. psychisch unerwünscht angesehen wurden. Einige verhungerten, andere erhielten tödliche Injektionen. Als Todesursache wurden oft Krankheiten wie Lungenentzündung angegeben.
Sheffer argumentiert, dass Asperger das nationalsozialistische Ziel unterstützte, Kinder zu eliminieren, die nicht in das Konzept des Volk passten – das faschistische Ideal einer homogenen „arischen“ Gemeinschaft.
Sowohl Czech als auch Sheffer schildern detailliert zwei Fälle – Herta Schreiber und Elisabeth Schreiber – und die von Asperger unterzeichneten Überweisungen. Darin begründet er die Einweisung Hertas damit, sie sei „eine unerträgliche Belastung für die Mutter“, und jene Elisabeths damit, sie sei „im Familienkreis zweifellos eine schwer erträgliche Belastung“. Dies wird als Beleg gewertet, dass er faktisch ihre Todesurteile unterschrieb.
Nahezu 800 Kinder wurden in „Am Spiegelgrund“ getötet. Nach dem Krieg setzte Asperger seine akademische Laufbahn fort und starb 1980.
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Sheffers Buch und Czechs Studie gelangen zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Ich persönlich empfinde es daher nicht mehr als angemessen, dass die Diagnose nach Hans Asperger benannt ist. Unabhängig davon ist diese Kategorie im neuesten DSM bereits entfallen. Europäische Länder werden dieser Linie mit der elften Ausgabe der Internationalen Klassifikation der Krankheiten folgen.
Die zukünftige Verwendung des Begriffs sollte selbstverständlich auch die Perspektiven autistischer Menschen einbeziehen. Viele identifizieren sich mit dem Begriff „Asperger-Syndrom“ als Teil ihrer Identität. Andere bevorzugen bereits allgemeinere Bezeichnungen wie „Autismus“ oder „Autismus-Spektrum“.
Aus Gründen der Klarheit und Neutralität bevorzuge ich den einheitlichen Begriff „Autismus“. Angesichts der großen Heterogenität innerhalb des Spektrums könnte es jedoch sinnvoll sein, über Untertypen zu diskutieren.
Als Wing den Begriff einführte, war niemandem Aspergers mögliche Nähe zum NS-System bewusst. Die neuen historischen Forschungen zwingen uns nun, unsere Sichtweise – und möglicherweise auch unsere Sprache – zu überdenken. Asperger’s Children sollte Pflichtlektüre sein, um aus der Geschichte zu lernen und ihre Fehler nicht zu wiederholen.
Antithese
Gegen die moralische Gewissheit: über Hans Asperger und die Grenzen des Urteils
Autor: Zlatko Enev
Die jüngsten Neubewertungen von Hans Aspergers Rolle in der nationalsozialistischen Medizin erfüllen eine wichtige Funktion. Sie zerstören das Bild eines isolierten Arztes außerhalb eines tödlichen Systems. Dieses Bild ist nicht haltbar. Asperger war Teil dieses Systems. Seine Entscheidungen betrafen das Leben von Kindern – einige von ihnen wurden später getötet.
Diese Fakten sind nicht zu bestreiten.
Weniger klar ist, was aus ihnen folgt.
Ein großer Teil der gegenwärtigen Debatte bewegt sich zu schnell von historischer Komplexität zu moralischer Gewissheit. Die Sprache verschiebt sich: von Beteiligung zu Schuld, von Nähe zu Absicht. Daraus entsteht ein Bild, das Klarheit suggeriert – aber auf Kosten der Präzision.
Das Problem ist nicht, dass Asperger unbeteiligt gewesen wäre. Das Problem ist die Struktur des Systems selbst, in dem Verantwortung verteilt und verschleiert war. Diagnose, Überweisung und Tötung sind nicht identisch. Sie bilden eine Kette. Teilnahme ist nicht gleich Kontrolle.
Dies entlastet Asperger nicht. Aber es rechtfertigt auch keine endgültige moralische Zuschreibung. Hier bleibt Unsicherheit – nicht wegen fehlender Fakten, sondern wegen der Grenzen ihrer Interpretation. Und genau diese Unsicherheit wird oft zugunsten klarer Narrative aufgegeben.
Diese Narrative wirken über die historische Figur hinaus. Sie beeinflussen Forderungen, den Begriff „Asperger“ vollständig zu streichen. Doch hier wird eine weitere Grenze überschritten. Der Name ist nicht mehr nur historisch. Er ist Teil gelebter Identität geworden. Für viele bezeichnet er nicht eine Person, sondern eine Erfahrung. Seine Abschaffung würde daher nicht nur Geschichte korrigieren, sondern auch Bedeutung löschen.
Diagnostische Begriffe können sich ändern. Aber Identität folgt anderen Regeln. Das anzuerkennen bedeutet nicht, Asperger zu verteidigen. Es bedeutet, die Grenzen moralischer Vereinfachung anzuerkennen. Wir müssen möglicherweise unser Bild von Asperger revidieren. Aber das heißt nicht, dass wir ihn bereits vollständig verstanden haben.
Und solange das nicht der Fall ist, sollte auch unser Urteil – ebenso wie unsere Sprache – der Komplexität des Gegenstands entsprechen.

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