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Die Kinder von Hans Asperger – Ein Bericht
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Materialien – Perspektiven

Wer hat Angst vor Hans Asperger?

Ich war Asperger. Jetzt soll ich es nicht mehr sein.

Manche Begriffe werden mit der Zeit mehr als bloße Diagnosen. Sie werden zu einer Erklärung für das eigene Leben. „Asperger“ war für viele Menschen genau so ein Begriff.

Er stand nicht nur für eine medizinische Kategorie, sondern für ein bestimmtes, wiedererkennbares Lebensmuster: soziale Reibung seit der Kindheit, ständige Missverständnisse, das Gefühl, gleichzeitig leistungsfähig und im Alltag doch permanent überfordert zu sein – ein Leben, das nach außen oft normal wirkte und sich innen ganz anders anfühlte.

Vor allem für Erwachsene mit später Diagnose, und besonders für viele Frauen, die jahrzehntelang übersehen oder falsch eingeordnet wurden, war dieses Wort oft eine späte Erklärung. Nicht im Sinn von: Ich identifiziere mich mit Hans Asperger. Sondern viel einfacher: Jetzt verstehe ich endlich, warum vieles immer so schwierig war.

Das ist der entscheidende Punkt. Der Begriff war kein moralisches Bekenntnis und keine Ehrung eines historischen Arztes. Er war ein Werkzeug der Selbstbeschreibung. Er half, Ordnung in etwas zu bringen, das vorher oft nur als persönliches Scheitern erlebt wurde.

Heute verschwindet dieses Wort zunehmend. Seit dem DSM-5 wurde das Asperger-Syndrom weitgehend in die breitere Diagnose Autism Spectrum Disorder überführt. Offiziell spricht man nun von Autismus-Spektrum-Störung.

Medizinisch mag das sinnvoll sein. Diagnostisch ist es breiter und systematischer. Existenziell ist es für viele Menschen deutlich ungenauer.

„Autismus-Spektrum-Störung“ umfasst sehr verschiedene Lebensrealitäten. Gerade deshalb geht für viele die Präzision verloren, die der alte Begriff hatte. Mit „Asperger“ verband sich eine konkrete Erfahrung: spätes Erkennen, Maskierung, hohe intellektuelle Leistungsfähigkeit bei gleichzeitigen massiven Alltagsproblemen, unsichtbare Erschöpfung und dauernde soziale Friktion.

Diese Erfahrung verschwindet nicht, nur weil das Etikett verschwindet.

Deshalb ist die Abschaffung des Begriffs nicht nur eine administrative Änderung. Eine diagnostische Kategorie wird mit der Zeit Teil einer Biografie. Wenn man sagt: Diesen Begriff benutzen wir nicht mehr, verändert man auch die Sprache, mit der Menschen sich selbst verstanden haben.

Daraus entsteht eine einfache Frage:
Wenn ich nicht mehr Asperger bin – was genau bin ich dann?

Und wem gehört ein solcher Begriff am Ende: dem Arzt, dessen Name daran hängt, oder den Menschen, die in diesem Wort ihre eigene Lebensgeschichte wiedererkannt haben?

Eine Diagnose ist auch eine Biografie

Diagnostische Begriffe wirken auf dem Papier neutral, als könnte man sie bei Bedarf einfach austauschen. In Wirklichkeit ist das selten so einfach. Eine Diagnose beschreibt nicht nur einen Zustand – sie verändert oft rückwirkend die eigene Lebensgeschichte.


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Wer erst mit dreißig, vierzig oder noch später versteht, warum soziale Beziehungen immer anstrengender waren als für andere, warum Anpassung ständig Kraft kostete oder warum man sich sein ganzes Leben lang wie ein falsch zusammengesetzter Mensch fühlte, erlebt diese Diagnose nicht als bürokratische Einordnung. Sie wirkt eher wie eine verspätete Übersetzung des eigenen Lebens.

„Asperger“ meinte deshalb nicht einfach Autismus im allgemeinen Sinn, sondern eine spezifische Konstellation: späte Diagnose, hohe Anpassungsleistung, soziale Maskierung und die Erfahrung, trotz äußerer Funktionsfähigkeit dauerhaft an den unsichtbaren Regeln des Alltags zu scheitern.

Dazu kam etwas, das medizinisch schwer messbar, biografisch aber zentral ist: das Gefühl, immer knapp neben der sozialen Wirklichkeit zu stehen. Nicht ausgeschlossen, aber nie ganz selbstverständlich dazugehörig. Nicht „krank genug“, um Hilfe zu bekommen, aber anders genug, um ständig an sich selbst zu zweifeln.

Viele Menschen haben ihre Identität um diese Erfahrung herum neu geordnet. Das betrifft besonders spät diagnostizierte Frauen, die oft jahrelang mit Depressionen, Angststörungen oder Persönlichkeitsdiagnosen behandelt wurden, ohne dass jemand die eigentliche Struktur erkannte. Für sie war „Asperger“ oft der erste Begriff, der überhaupt passte.

Darum ist das Verschwinden des Wortes keine harmlose sprachliche Modernisierung. Es ist ein Eingriff in gelebte Biografien. Wer sagt, dieser Begriff sei überholt oder moralisch untragbar geworden, sagt damit auch: Die Sprache, mit der du dich endlich verstanden hast, soll nun wieder ersetzt werden.

Kein Wunder also, dass viele darauf nicht mit Zustimmung, sondern mit Widerstand reagieren. Nicht weil sie an einem Namen hängen, sondern weil sie sich nicht noch einmal erklären lassen wollen, dass ihre Selbstbeschreibung plötzlich wieder falsch sein soll.

Die historische Anklage

Warum verschwindet der Begriff „Asperger“ nicht nur diagnostisch, sondern auch moralisch? Weil Hans Asperger heute zunehmend nicht mehr nur als Kinderarzt, sondern als Teil des nationalsozialistischen Systems gesehen wird.

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Der zentrale Vorwurf lautet nicht einfach, dass er in seiner Zeit lebte, sondern dass er in jene Strukturen eingebunden war, die über das Leben sogenannter „nicht lebenswerter“ Kinder entschieden. Im Mittelpunkt steht dabei der Spiegelgrund, jene berüchtigte Wiener Kinderklinik, in der Hunderte Kinder im Rahmen der nationalsozialistischen „Euthanasie“ ermordet wurden.

Besonders belastend ist die Frage, ob Asperger Kinder dorthin überwiesen hat – wissend, was dort geschah. Hinzu kommen seine Beziehungen zu Institutionen wie Gugging sowie personelle Verbindungen zu Figuren wie Erwin Jekelius, Heinrich Gross und Franz Hamburger, die das institutionelle Umfeld markieren, in dem er arbeitete.

Die Debatte wurde vor allem durch den Historiker Herwig Czech neu entfacht, insbesondere durch seinen Aufsatz von 2018, der Aspergers Rolle deutlich kritischer darstellt als die ältere, lange fast hagiografische Darstellung. Auch Edith Sheffers Buch Asperger’s Children trug wesentlich dazu bei, das öffentliche Bild radikal zu verändern.

Damit zerfiel das lange gepflegte Bild des stillen humanistischen Arztes, der sich außerhalb des Systems gehalten habe. Hans Asperger erscheint heute deutlich stärker als Teil jener medizinischen und institutionellen Strukturen des Nationalsozialismus, die selektierten, aussortierten und über Leben entschieden.

Er war kein moralisch unberührter Beobachter. Er arbeitete innerhalb dieses Systems, passte sich ihm an, profitierte beruflich davon und traf Entscheidungen mit existenziellen Folgen für Kinder.

Das muss man klar sagen.

Die Frage ist also nicht mehr, ob seine Biografie problematisch ist. Sie ist es.

Die eigentliche Frage beginnt erst danach: Reicht diese historische Schuld aus, um auch den Begriff selbst zu vernichten – selbst dann, wenn dieser Begriff für Millionen Menschen längst etwas anderes bedeutet als die Person, nach der er benannt wurde?

Aber was ist eigentlich bewiesen?

Genau hier wird die Debatte oft unsauber. Zwischen berechtigter historischer Kritik und moralischer Vereinfachung liegt ein erheblicher Unterschied.

Dass Hans Asperger in das System des Nationalsozialismus verstrickt war, ist heute kaum noch ernsthaft zu bestreiten. Die Frage ist nicht mehr, ob es problematische Nähe gab, sondern wie diese Nähe zu bewerten ist.

Komplizenschaft ist nicht dasselbe wie ideologische Überzeugung. Anpassung ist nicht automatisch Fanatismus. Moralisches Versagen ist nicht identisch mit der Figur des überzeugten Täters, wie sie in späteren Kurzfassungen oft erscheint.

Die populäre Formel lautet gern: Asperger war ein überzeugter Nazi. Sie ist eingängig, moralisch befriedigend – und historisch deutlich schwieriger zu halten.

Selbst die kritische Forschung beschreibt eher einen Arzt, der sich anpasste, Kompromisse einging, Karrierelogiken verstand und Entscheidungen traf, die aus heutiger Sicht schwer belastend sind. Das ist ernst genug. Aber es ist etwas anderes als das Bild eines ideologisch fanatischen Vernichters.

Gerade Herwig Czech argumentiert differenzierter, als es viele spätere Zusammenfassungen suggerieren. Seine Arbeit zeigt institutionelle Beteiligung, problematische Überweisungen und moralische Verantwortung, aber nicht die einfache Figur eines dämonischen Überzeugungstäters. [Herwig Czech, “Hans Asperger, National Socialism, and ‘race hygiene’ in Nazi-era Vienna,” Molecular Autism 9 (2018): 29.] Auch Edith Sheffers Buch wurde dafür kritisiert, Aspergers ideologische Eindeutigkeit stärker zu zeichnen, als die Quellen sicher hergeben. [Vgl. Walter Heijder, A response to the book “Asperger’s Children”, University of Gothenburg.]

Diese Unterscheidung ist keine akademische Spitzfindigkeit. Sie entscheidet darüber, ob wir Geschichte verstehen oder nur noch moralisch verwalten.

Wer aus historischer Ambivalenz nachträglich reine Symbolfiguren macht – Helden oder Monster –, ersetzt Analyse durch moralisches Ritual.

Hans Asperger muss nicht rehabilitiert werden. Aber Geschichte darf auch nicht in rituelle Reinheit umgeschrieben werden.

Die Frage lautet nicht: War er gut oder böse? Sie lautet: Was genau hat er getan, was wusste er, welche Handlungsspielräume hatte er – und was folgt daraus tatsächlich?

Erst danach kann man sinnvoll darüber sprechen, ob mit dem Mann auch der Begriff verschwinden muss.

Löst die Abschaffung des Namens überhaupt etwas?

Hier liegt der eigentliche Kern der Debatte. Selbst wenn man die historische Belastung des Namens vollständig anerkennt, bleibt die Frage offen, was durch seine Abschaffung tatsächlich gewonnen wird.

Denn das Wort zu entfernen verändert nicht die Realität, die es beschrieben hat.

Es verschwinden dadurch weder die Unterschiede innerhalb des autistischen Spektrums noch die sehr unterschiedlichen Lebensformen, die darunter zusammengefasst werden. Weder die Erfahrung des spät diagnostizierten Erwachsenen noch die soziale Unsichtbarkeit vieler hoch maskierender Frauen verschwinden. Auch die Probleme im Berufsleben und die ständige Friktion im Alltag bleiben.

Was zunächst verschwindet, ist nur die Sprache.

Gerade das macht mich skeptisch. Sprache ist nicht nebensächlich. Wer keinen präzisen Begriff mehr für eine Erfahrung hat, verliert oft auch die Möglichkeit, sie gesellschaftlich sichtbar zu machen. Der neue Oberbegriff „Autismus-Spektrum-Störung“ ist medizinisch umfassender, aber sozial oft unschärfer. Er nivelliert Unterschiede, die im Alltag sehr real bleiben.

Viele Menschen, die sich jahrelang als Asperger verstanden haben, erleben die Umstellung deshalb nicht als Befreiung, sondern als Verlust einer brauchbaren Selbstbeschreibung. Sie sollen plötzlich in einer Kategorie aufgehen, die zwar korrekt sein mag, aber ihre konkrete Lebensform weniger präzise beschreibt.

Wer profitiert davon? Die betroffenen Menschen selbst selten. Die Unterschiede bleiben bestehen, ebenso die praktischen Probleme und die soziale Missverständlichkeit.

Was wächst, ist häufig vor allem ein Gefühl symbolischer moralischer Ordnung: Man hat den belasteten Namen entfernt und damit den Eindruck erzeugt, ein historisches Problem sei bearbeitet worden.

Aber moralische Reinigung ist nicht dasselbe wie reale Klärung.

Es ist leichter, ein Wort abzuschaffen, als die Spannungen innerhalb des Spektrums ernsthaft auszuhalten: den Konflikt zwischen schwerster Behinderung und hochfunktionaler Unsichtbarkeit, zwischen Pflegebedürftigkeit und sozialem Scheitern trotz äußerer Kompetenz, zwischen sehr verschiedenen Lebensrealitäten unter demselben Dach.

Die Abschaffung des Begriffs löst keines dieser Probleme. Sie verschiebt sie nur sprachlich.

Deshalb wirkt der Vorgang auf viele weniger wie Fortschritt als wie institutionelle Selbstberuhigung: Das System fühlt sich moralisch sauberer, während die Betroffenen oft mit weniger Klarheit zurückbleiben.

Mein Misstrauen gegenüber moralischer Reinigung

Vielleicht reagiere ich auf diese Debatte auch deshalb so empfindlich, weil ich aus einem Teil Europas komme, in dem Sprache nie nur Sprache war. Wer in einem politischen System aufgewachsen ist, in dem Begriffe kontrolliert, umbenannt und moralisch aufgeladen wurden, entwickelt ein Misstrauen gegen die Vorstellung, gesellschaftliche Ehrlichkeit beginne mit der richtigen Terminologie.

Ich habe früh gelernt, dass sprachliche Korrektheit und moralische Wahrheit nicht dasselbe sind. Oft war das Gegenteil der Fall. Je sauberer die offiziellen Formulierungen wurden, desto größer war die Distanz zur Wirklichkeit. Wörter dienten nicht dazu, Dinge klarer zu machen, sie machten sie nur kontrollierbar.

Deshalb reagiere ich skeptisch, wenn ich höre, ein Begriff müsse verschwinden, weil seine weitere Verwendung moralisch problematisch sei. Mein erster Impuls ist nicht Zustimmung, sondern eine Frage: Wird hier wirklich etwas verstanden – oder nur sprachlich bereinigt?

Umbenennung ist fast immer einfacher als Verstehen.

Es ist leichter, einen belasteten Namen aus dem Vokabular zu entfernen, als historische Ambivalenz auszuhalten. Es ist ebenso leichter, ein moralisch sauberes Signal zu senden, als sich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass Menschen, Institutionen und ganze Epochen selten sauber sind.

Gerade deshalb macht mich die Asperger-Debatte misstrauisch. Nicht weil die historische Kritik falsch wäre, sondern weil ihre gesellschaftliche Verarbeitung oft einem vertrauten Ritual folgt: Ein Name wird problematisch, also wird er entfernt, und damit entsteht das beruhigende Gefühl, auch das moralische Problem sei bearbeitet.

Diese Logik kenne ich zu gut.

Meine Position

Ich verteidige Hans Asperger nicht als Helden. Seine Biografie ist belastet, seine Rolle im nationalsozialistischen System war real, und jeder Versuch, ihn nachträglich zu einer moralisch unberührten Figur umzudeuten, wäre historisch falsch.

Darum geht es nicht.

Ich verteidige auch keinen Namen aus sentimentaler Gewohnheit. Wörter sind nicht heilig, diagnostische Kategorien nicht unveränderlich.

Worum es mir geht, ist das Recht von Menschen, einen Begriff zu bewahren, der ihnen geholfen hat, ihr eigenes Leben zu verstehen.

Viele haben sich nicht deshalb als Asperger bezeichnet, weil sie sich mit dem Arzt identifizieren wollten, sondern weil dieses Wort endlich eine Struktur benannte, die ihr Leben seit Jahrzehnten prägte. Es war ein Begriff für Erfahrung, nicht für Verehrung.

Diesen Menschen nun zu erklären, die weitere Verwendung dieses Wortes sei moralisch fragwürdig, halte ich für einen vorschnellen Reflex. Er behandelt Selbstbeschreibung wie ein politisches Bekenntnis und verwechselt historische Sensibilität mit sprachlicher Disziplinierung.

Wer weiterhin von „Asperger“ spricht, verteidigt damit meist keinen historischen Arzt, sondern die Genauigkeit seiner eigenen Biografie. Aus einem medizinischen Begriff ist längst ein persönlicher und kultureller geworden.

Ebenso lehne ich die Tendenz ab, Geschichte auf moralische Eindeutigkeit zu reduzieren. Die Vergangenheit besteht selten aus sauberen Kategorien von Gut und Böse. Wer aus ihr nur symbolische Reinheitsrituale macht, versteht sie nicht mehr, sondern benutzt sie.

Meine Position ist deshalb schlicht: Man kann Hans Asperger historisch kritisch sehen und trotzdem den Begriff „Asperger“ als biografische Selbstbeschreibung nicht unter moralischen Verdacht stellen.

Man kann seine historische Schuld anerkennen und trotzdem das Wort behalten.

Wer hat Angst vor Hans Asperger?

Vielleicht ist die eigentliche Frage falsch gestellt. Vielleicht geht es gar nicht darum, wer Angst vor Hans Asperger als historischer Person hat. Die meisten Menschen, die heute über seinen Namen streiten, kannten ihn nie als Arzt, sondern nur als Begriff.

Die eigentliche Unruhe entsteht an einer anderen Stelle: bei der Schwierigkeit, Ambivalenz auszuhalten.

Es ist leichter, mit klaren moralischen Figuren zu arbeiten. Ein unschuldiger Humanist lässt sich verteidigen, ein überzeugter Täter lässt sich verurteilen. Schwieriger wird es bei Menschen, die weder das eine noch das andere sind – bei Figuren, die innerhalb eines verbrecherischen Systems handelten, sich anpassten, profitierten und schuldig wurden, ohne deshalb in einfache Kategorien zu passen.

Hans Asperger gehört genau in diese unangenehme Zone.

Noch schwieriger wird es, wenn ein solcher Mensch zum Namensgeber einer Erfahrung geworden ist, die für viele Betroffene vollkommen real ist. Dann prallen zwei Ebenen aufeinander: historische Schuld und biografische Wahrheit.

Ein moralisch kompromittierter Mann kann trotzdem einem realen menschlichen Zustand einen Namen gegeben haben. Das ist kein Widerspruch. Es ist nur unbequem.

Wer den Begriff abschaffen will, versucht oft, diese Unbequemlichkeit zu beseitigen. Aber das funktioniert nicht. Denn mit dem Namen verschwindet nicht die Erfahrung. Die Menschen bleiben. Die Lebensmuster bleiben ebenso wie die Unterschiede innerhalb des Spektrums.

Darum glaube ich nicht, dass diejenigen, die weiterhin von „Asperger“ sprechen, die eigentlichen Verteidiger einer problematischen Vergangenheit sind. Oft sind sie nur Menschen, die sich weigern, ihre eigene Biografie nachträglich in eine moralisch sauberere Form umschreiben zu lassen.

Vielleicht sind es nicht sie, die Angst haben.

Vielleicht sind es eher jene, die nicht ertragen, dass Geschichte unordentlich ist – dass Schuld und Erkenntnis nebeneinander existieren können, dass ein belasteter Name dennoch etwas Wirkliches bezeichnet und dass das Entfernen des Namens diese Wirklichkeit nicht beseitigt.

Wer hat Angst vor Hans Asperger?

Vielleicht vor allem jene, die glauben, moralische Klarheit entstehe dadurch, dass man das richtige Wort streicht. Die Wirklichkeit ist selten so ordentlich.

Zlatko Enev ist ein in Bulgarien geborener Schriftsteller, Herausgeber und Philosoph, der seit 1990 in Berlin lebt. Er promovierte in Philosophie an der Universität Sofia und ist Autor mehrerer Bücher aus den Bereichen Belletristik, Essayistik und Kinderliteratur. Sein Werk ist geprägt von einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit Erinnerung, Identität und den Grenzen kultureller Narrative. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit betreibt er die bulgarischsprachige Plattform Либерален преглед (Liberale Rundschau), die sich der Veröffentlichung längerer analytischer und essayistischer Texte widmet.

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